szmmctag

  • informationsethik.net feiert

    informationsethik.net feiert. Über vierzig Beiträge im Blog, ein Literaturverzeichnis zu Informationsethik und Maschinenethik und ein Glossar zur Informationsethik mit über 160 Begriffen – das ist die Bilanz nach einem Jahr. Betrieben werden Website und Blog von mir. Es handelt sich um ein privates Projekt. Es gibt keine Werbung, wenn man von dem Verweis auf das Buch "Die Rache der Nerds" und von den Links absieht. Seit Anfang des Jahres werden Stiftungen angefragt, mit dem Ziel, die Plattform auszubauen bzw. eine neue Plattform aufzubauen. Allerdings sind viele Einrichtungen im Bereich der Ethik nicht neutral und nicht – wie informationsethik.net – einer wissenschaftlichen Ethik verpflichtet. Erstes Ziel ist, die Unabhängigkeit zu bewahren. Zugleich möchte ich andere Perspektiven hinzunehmen – von Philosophen und (Wirtschafts-)Informatikern sowie von Künstlern –, Lehr- und Lernmaterialien bereitstellen und den Diskurs ermöglichen. Das wird aber nur mit einer finanziellen Unterstützung gehen. Man darf gespannt sein, wo informationsethik.net im Jahre 2014 steht. Im Mai hat informationsethik.net übrigens eine kleine Schwester bekommen: maschinenethik.net. Diese Plattform soll bis Ende des Jahres aufgebaut sein.

  • Der Kampf der ZEIT gegen die Wissenschaft

    Ich schätze die ZEIT. Sie ist gut geschrieben, sehr gut sogar. Sie ist investigativ. Sie ist am Puls der Zeit. Auf den Schweiz-Seiten erfährt man mehr über die Schweiz als in den meisten Schweizer Zeitungen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich, wenn sich die ZEIT der Ethik widmet. Die Ethik als Wissenschaft ist eine Disziplin der Philosophie und hat die Moral zum Gegenstand. In der empirischen oder deskriptiven Ethik beschreibt man Moral und Sitte, in der normativen beurteilt man sie, kritisiert sie und begründet gegebenenfalls die Notwendigkeit einer Anpassung. Die theonome Ethik sieht das moralische Sollen in göttlichen Geboten begründet. Sie ist nicht zur wissenschaftlichen Ethik zu zählen, da sie nicht, wie in dieser gefordert, auf das letzte Wort religiöser Autoritäten verzichtet. Religiöse Ethik bringt sich immer wieder in den Diskurs ein, um diesseitige Ansprüche geltend zu machen und theologisches Gedankengut durchzusetzen (theologische Ethik). Und dabei helfen ihr Politik und Medien.

    Auf dem Feld der Ethik führt die ZEIT einen regelrechten Kampf gegen die Wissenschaft. Sie berücksichtigt Experten nicht, sie erwähnt sie nicht, sie fragt sie nicht, zumindest in bestimmten Kontexten. Ein Projekt, über das ich bereits geschrieben habe, ist das "DVD-Seminar Ethik" der ZEIT AKADEMIE. Kein Philosoph erörtert die "ethischen Grundfragen", sondern ein Theologe. Ich komme am Ende des Artikels zum Schluss: "Und damit erweisen ZEIT AKADEMIE, Wolfgang Huber und die ihn interviewende Elisabeth von Thadden der wissenschaftlichen Ethik einen Bärendienst." Denselben Bärendienst erweisen Huber und Evelyn Finger in der ZEIT vom 25. April 2013. Auf einer ganzen Seite findet sich ein Interview zum Thema "Der grosse Götze Geld". "Glauben & Zweifeln" heisst die Rubrik, die vor gar nicht allzu langer Zeit vom Himmel fiel, und Huber darf wieder einmal mehr glauben als zweifeln. In der Kurzvita wird er gepriesen als "einer der einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland". Dies sei er als Mitglied des Deutschen Ethikrates – eines Rates, der deutlich von Theologen dominiert wird und kein Ruhmesblatt für Deutschland ist. Warum fragt man zur Wirtschaftsethik keinen Wirtschaftsethiker? Keinen Ulrich oder Thielemann? Keine Göbel? Warum ausgerechnet einen Theologen? Das ist völlig unverständlich.

    Die Peinlichkeiten setzen sich in einer Anzeige zu einer ZEIT KONFERENZ fort. "Moral & Ethik" heisst die nächste Veranstaltung am 6. Mai. Es geht um "Perspektiven unternehmerischer Verantwortung". Wieder ein Thema der Wirtschaftsethik, genauer der Unternehmensethik. Diskutieren werden Vertreter von Nestlé, BP und Daimler, drei ausgesprochen umstrittene Unternehmen, die Mensch und Umwelt sehr geschadet haben. Natürlich muss man keine moralischen Unternehmen einladen; man kann ja unmoralische Unternehmen in die Verantwortung nehmen und ihnen kritische Fragen stellen. Aber werden diese kritischen Fragen kommen, wenn die Veranstaltung von diesen Unternehmen finanziert wird? Tatsächlich ist derselben Anzeige zu entnehmen, dass man mit Daimler zusammenarbeitet und Partner von BP und Nestlé ist. Kommen wenigstens in diesem Fall auch Wirtschafts- oder Unternehmensethiker zu Wort? Irgendwelche Philosophen? Aber nicht doch: Winfried Kretschmann und Fritz Kuhn sowie Dr. Wolfgang Schäuble vertreten die Seite der Politik, mehrheitlich die konservative, Aiman A. Mazyek (Zentralrat der Muslime in Deutschland) und Constantin Miron (Erzpriester des Ökumenischen Patriarchates) die Seite der Religion. Da wünscht man sich fast einen Huber her. Die von Josef Joffe und Helmut Schmidt erfundene ZEIT KONFERENZ räumt ganz offen ein: "Es diskutieren Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Kirche."

    An dieser Stelle schlägt die Traurigkeit in Wut um. Was hier passiert, hat System. Es ist, wie gesagt, ein Kampf der ZEIT gegen die Wissenschaft. Ausgerechnet auf dem Feld der Ethik. Gerade habe ich ein neues Buch von Ursula Wolf gelesen, der grossen Tierethikerin und Logikerin. Das ist philosophische Ethik vom Feinsten. Im Regal stehen Otfried Höffe und Annemarie Pieper, zwei der klarsten ethischen Denker im deutschsprachigen Raum. Auf sie greife ich oft zurück, auch in eigenen Publikationen. Was die Wirtschafts- und Unternehmensethik angeht, haben wir eine aktive Szene in Deutschland und in der Schweiz, mit vielen renommierten Leuten, mit ausgezeichneten Namen, mit einflussreichen Publikationen. Diese Leute kommen in der Welt der ZEIT kaum vor. Sicherlich werden auch sie einmal erwähnt, dürfen sie einmal etwas zum Besten geben. Aber wenn es strategisch wird, wenn die kommerziellen Produkte der ZEIT ins Spiel kommen, wenn es um "Konferenzen" und "Akademien" geht, dann sind Huber und Co zur Stelle. Dann fragt eine Journalistin den Theologen allen Ernstes: "Wie würden Sie Jesus erklären, was Wirtschaftsethik ist?" Und der antwortet, obwohl er diesem erklären soll, was Wirtschaftsethik ist, mit dem "Sabbatwort Jesu". Es gab andere Zausel vor unserer Zeitrechnung, die mehr zum Thema zu sagen hätten. Einer von ihnen heisst Aristoteles. Er gilt als der Begründer der Ethik.

  • Comiczeichner/in gesucht

    Ethik ist nicht lustig. Glaubt man. Aber sowohl über ihren Gegenstand kann man oft lachen, etwa wenn sich die Moral im Moralismus verrennt, als auch über sie selbst, etwa wenn sie sich aus dem Normativen völlig zurückzieht oder sich vor dem Relativismus tief verneigt. Wir möchten auch aus der Ethik heraus lachen, z.B. als überzeugte Hedonisten. Vor allem aus der Informations-, Medien- und Wirtschaftsethik heraus. Vor diesem Hintergrund wird ein/e Cartoonist/in gesucht, der/die sich für die philosophische, wissenschaftliche Ethik interessiert und einen Beitrag für informationsethik.net leisten will. Oder ein/e Comiczeichner/in. Alles ist denkbar, von einzelnen Zeichnungen bis zu Bilderfolgen, später vielleicht bis zu einem Buch. Möglich ist es auch, sich Bild und Text aufzuteilen oder Hilfe beim Texten einzuholen. Wichtig ist die Zeichenbegabung. Da diese Plattform privat und ehrenamtlich betrieben wird, ist eine Bezahlung leider momentan nicht drin. Aber selbstverständlich eine Verlinkung auf die Projekte des/der Mitwirkenden. Auch das Cover eines Buchs kann gezeigt werden. Bitte melde dich über informationsethik@gmx.net, möglichst mit einer kleinen Probe. Deine "Bewerbung" wird natürlich vertraulich behandelt.

  • Der Herr der Fahnen und Flaggen

    Oskar Freysinger hat es mit Fahnen und Flaggen. In seinem Haus hängt eine deutsche Reichskriegsflagge. "Er habe nicht gewusst, dass diese vor allem von Neonazis verwendet werde, sagt der neu gewählte Walliser SVP-Regierungsrat." (Tages-Anzeiger Online vom 26. März 2013) Das erstaunt, denn die SVP unterhält mit europäischen Ewiggestrigen enge Kontakte. Auf der Website der rechtsextremen Organisation "pro NRW" prangt das Logo der Schweizer Partei. Wir erinnern uns, was Freysinger seinen teutschen Freunden zugerufen hat: "Das weisse Kreuz auf rotem Grund sei Euer Wegweiser." Wieder eine Fahne, dieses Mal der Schweiz. So beschmutzt hat man sie selten gesehen. Und dann gibt es noch die Flagge der EU. Vor einiger Zeit meldete der Tages-Anzeiger: "Am Sitz der EU-Botschaft in Bern soll auch in Zukunft die Europa-Flagge wehen dürfen. Der Bundesrat lehnt eine Motion von SVP-Nationalrat Oskar Freysinger ab, der ein Verbot der EU-Flagge forderte." (Tages-Anzeiger Online vom 17. Februar 2011)

  • Camp Quest Schweiz

    Vom 4. bis 10. August 2013 findet in Obersaxen das 1. Camp Quest Schweiz statt, ein Ferienlager für Kids im Alter von 9 bis 15. Eine Woche lang wird man "miteinander philosophieren, Wissenschaft entdecken, spielen und Sport treiben" (Website). Camp Quest Schweiz ist eine Veranstaltung der Zürcher FreidenkerInnen in Zusammenarbeit mit den Skeptikern Schweiz. Ansprechpartner sind Valentin Abgottspon (Eltern) und Andreas Kyriacou (Medien). Beide haben viel dafür getan, dass man in der Schweiz freier atmen kann, und sie schaffen nun einen Ort, an dem das auch die Kinder können. Und an dem diese nicht vermittelt bekommen, dass Internet und Computer sowie geistige Betätigung etwas grundsätzlich Schlechtes sind. Geleitet wird das Lager von der Umweltnaturwissenschaftlerin Simone Michel und vom Germanisten und Lehrer Valentin Abgottspon. Weitere Informationen über http://campquest.ch.

  • Neue Deppenleerzeichen

    Das Sprachlabor der Süddeutschen behandelt allwöchentlich die sprachlichen Irrtümer der Zeitung. In der Regel sind es Leser, die darauf aufmerksam machen. Im Sprachlabor vom 16./17. März 2013 wird ein Artikel zu Nora Gomringer zitiert; sie "verhalf der Slam-Poetry in Deutschland zum Durchbruch und gehört selbst zu den vitalsten Vertretern der Spoken Word-Szene".

    Leser A. beanstandet die Anglizismen (es ist noch von "Performances" die Rede). Diese sind aber das geringste Problem. "Spoken Word" ist ein Terminus technicus und kann durchaus so stehen bleiben. Allerdings muss dieses Wort, wenn es mit einem deutschen Begriff zusammentrifft, nicht nur mit diesem gekoppelt werden (allein darf man es, wie im Falle von "Slam Poetry" oder "Poetry Slam", auseinanderschreiben), sondern es wird das gesamte Wortgebilde durchgekoppelt, also "Spoken-Word-Szene" geschrieben. Dies gilt auch für die "Written-Word-Szene", die der Leser oder der Redakteur (in falscher oder ironisierender Schreibweise als "Written Word-Szene") erfunden hat.

    Fehlende Bindestriche sind nicht nur ein formales, sondern auch ein inhaltliches Ärgernis. Es ist erfreulich, dass man auf deppenleerzeichen.de wieder frische Beispiele serviert bekommt, etwa den "Kohl-Hack Topf" und das "Kürbis-Pflaumen Gemüse" von Chefkoch.de. Und, auch nicht gerade lecker, die "Benedikt Nachfolge" aus der Süddeutschen Zeitung.

  • Deutsche-Börse-Chef als Verwaltungsrat der UBS

    Im Tages-Anzeiger (Online-Ausgabe) erschien am 12. März 2013 der Artikel "Deutsche-Börse-Chef wird Verwaltungsrat der UBS". Der Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, übernehme den Posten von Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber im Verwaltungsrat der Schweizer Grossbank.

    Es kam, wie es kommen musste. Peter K. echauffierte sich im Kommentarbereich: "Wichtige Positionen in Kultur, Wirtschaft und Forschung werden zunehmend von Personen aus dem deutschsprachigen Ausland besetzt." Jerem M. doppelte nach: "Ich bin ja nicht dagegen, dass man Fachleute aus dem Ausland holt, wenn man im eigenen Land keinen geeigneten Ersatz findet. Was nun aber gemacht wird, scheint nichts mehr damit zu tun haben. Die Wirtschaft ist meiner Ansicht nach richtig auslandhörig. Es ist doch Aufgabe, zuerst den eigenen Leuten Arbeit zu geben und erst dann andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen."

    Der Tages-Anzeiger muss in Zukunft gar nicht mehr selbst Deutschen-Bashing betreiben. Er muss nur noch Reizwörter wie "deutsch", "Deutsche" oder "Deutsche Börse" verwenden. Das Problem in diesem Fall: Reto Francioni ist Schweizer, geboren in Zürich, aufgewachsen in Brugg, seit 2006 Titularprofessor für angewandte Finanzmarktforschung an der Universität Basel.

    Robert S. bemerkt dazu: "Nächste Stufe im Deutschenhass erreicht: Jetzt hasst man nicht mehr nur alle Deutschen und alles Deutsche, sondern auch schon Schweizer[,] die im Ausland gearbeitet haben (Vorsicht erweiterter Horizont). Nächste Stufe: Schweizer[,] die nahe der Grenze wohnen[,] gelten als 'unrein'." Dem ist nichts hinzuzufügen.

  • Universität Zürich sistiert Berufung zum Schutz der deutschen Kandidierenden

    Seit ein paar Jahren gefällt sich der Tages-Anzeiger in einem Kampagnenjournalismus besonderer Art. Am 27. Februar 2013 erschien ein Artikel mit dem Titel "Für den letzten Schweizer kommt ein Deutscher". Im Teaser heisst es: "Obschon die Universität Zürich einen Spezialisten für die Schweizer Medienlandschaft sucht, bestreiten lauter deutsche Kandidaten das Rennen um die Nachfolge des Publizistikprofessors Heinz Bonfadelli." Der eigentliche Artikel hebt an mit den Worten: "Wird das Thema Schweiz an der Universität Zürich weiterhin an Bedeutung verlieren, weil deutsche Professoren an vielen Instituten in der Mehrheit sind?" Ein suggestiver, ein verquerer Satz.

    Es geht Zeitungen wie Weltwoche, NZZ und Tages-Anzeiger, was die Deutschen in der Schweiz anbetrifft, schon längst nicht mehr um sachliche Berichterstattung. Sie fördern systematisch die Ressentiments und letztlich den Rassismus im Lande. Dem Redaktor des Tagi ist es nicht genug, wenn es ein Schweizer ist. Es muss schon ein reinrassiger sein. Mit Blick auf das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung schreibt er: "Derzeit besetzen dort – neben Bonfadelli – drei Deutsche, ein eingebürgerter Deutscher, ein Österreicher sowie der Schweizer Soziologe Kurt Imhof die Lehrstühle." Und so weiter, und so fort. Mehrere hundert Kommentare waren die Folge. Die Schweizer Medien bauen am längsten Stammtisch der Welt.

    Die Universität Zürich hat am 2. März 2013 reagiert. Sie sistiert laut einer Medienmitteilung das Berufungsverfahren für die Nachfolge des Professors. Damit werde "sichergestellt, dass die Neubesetzung des Lehrstuhls für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu einem späteren Zeitpunkt geordnet erfolgen kann" (Medienmitteilung vom 2. März 2013). Und weiter: "Der Entscheid erfolgt nicht zuletzt zum Schutz der Kandidierenden und der Kommissionsmitglieder. Ein Medienbericht vom 27. Februar 2013 hat Reaktionen ausgelöst, die eine geordnete Weiterführung des Verfahrens zum jetzigen Zeitpunkt verunmöglichen." (Medienmitteilung vom 2. März 2013)

    Das muss man zweimal, dreimal lesen. Die Universität Zürich muss die Kandidierenden und die Mitglieder ihrer Kommission schützen. Ein Medienbericht, der Artikel im Tages-Anzeiger, hat sie - die deutschen Staatsangehörigen - zur Zielscheibe gemacht. Oder will die Universität sich selbst schützen und den Medien zu Diensten sein? Wie auch immer, gegen die mediale Hetze müssen sich die Akademikerinnen und Akademiker des Landes erheben, egal welcher Nationalität. Es darf keine Rolle spielen, welche Nationalität ein Bewerber hat oder hatte. Auch nicht, wenn es um die Schweizer Medienlandschaft geht. Es gibt einige asiatische Experten für die deutsche Literatur. Niemand würde auf die Idee kommen, ihre Beiträge für die Germanistik zurückzuweisen. Wehret den Anfängen!

  • Informationsethik: 36 Themen

    In meiner Lehrveranstaltung zur Informationsethik im Frühjahrssemester 2013 an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW (Basel, Olten, Brugg) werde ich 36 Themen zur Bearbeitung anbieten. Die Kurzbeschreibungen sind subjektiv und prägnant formuliert. Die Studierenden der Wirtschaftsinformatik sollen ihre eigene Position finden. Sie können auch eigene Themen definieren.

    Thema 1: Netiquetten, Leitlinien, Kodizes
    Netiquetten, Leitlinien und Kodizes haben seit einiger Zeit wieder Hochkonjunktur. Für das deutschsprachige Usenet wurde vor vielen Jahren eine Netiquette entwickelt, die heute kaum noch beachtet wird. Darin wird u.a. die Vermeidung der Anonymität gefordert. Oliver Bendel hat eine Netiquette 2.0 vorgeschlagen, die verschiedentlich publiziert wurde. GI und SI wollen Ingenieure und Informatiker zu bestimmten Grundsätzen verpflichten. Berufsstände und Organisationen gefallen sich darin, mit Kodizes die Mitarbeiter zu binden und die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Im Moment lassen sich die Unternehmen Social-Media-Richtlinien mit ethischen und rechtlichen Implikationen für die Mitarbeiter erstellen. Was und wem nutzen die Regeln wirklich? Und welche Regeln fehlen uns noch?

    Thema 2: Dominanz des ingenieurwissenschaftlichen Denkens
    Das mathematische, naturwissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Denken dominiert die Gesellschaft in fast allen Bereichen. Geisteswissenschaftliche Ansätze und Methoden werden verdrängt. Alles wird messbar gemacht, die quantitative Erhebung gegenüber der qualitativen vorgezogen. Der Begriff "Big Data" ist in aller Munde. Die Auswertungen übernimmt oft ein Computer, wobei wir die Algorithmen selten kennen bzw. verstehen. Auch wenn die Ergebnisse verblüffen, werden sie kaum angezweifelt. Das ingenieurwissenschaftliche Denken scheint das Denken an sich abzuschaffen, ebenso wie das computerisierte Denken, das aus ihm stammt. Auch an den Hochschulen wird gewogen, gemessen, evaluiert. Gäbe es vielleicht bessere, qualitative Mittel?

    Thema 3: Abhängigkeit von IT und IT-Unternehmen
    Die Abhängigkeit von Informationstechnologie ist gross. Die Produkte der Unternehmen, der Hochschulen und der Forschungseinrichtungen haben es geschafft, in alle Gesellschaftsbereiche vorzudringen und sich in Alltag und Beruf unentbehrlich zu machen. Wir müssen unsere Systeme und Software regelmässig upgraden bzw. updaten, wir müssen alle zwei bis drei Jahre die Hardware erneuern; wir benutzen zahlreiche betriebliche Anwendungen (und zugleich zentrale Systeme eines einzelnen Unternehmens), und ein guter Teil der Belegschaften besteht aus Informatikern und Wirtschaftsinformatikern. Gut für uns, aber was machen die anderen? Und selbst wir bezahlen diese Entwicklung mit, nicht zuletzt als Kundinnen und Kunden.

    Thema 4: Das "Mensch-folgt-Maschine"-Prinzip
    Die von Peter Mertens beschworene sinnhafte Vollautomation – nach seiner Ansicht das Ziel der Wirtschaftsinformatik – schreitet unaufhaltsam voran. Was den Sinn angeht, lässt sich freilich im Einzelfall trefflich diskutieren. Immer häufiger müssen wir uns an Maschinen anpassen. Dabei haben wir diese ursprünglich nicht nur zur Optimierung von Prozessen, sondern auch zur Erleichterung unserer eigenen, menschlichen Arbeit erschaffen. Das „Mensch-folgt-Maschine“-Prinzip kann man in allen möglichen Gebieten entdecken, im Alltag und im Berufsleben. Wir verändern unsere Prozesse, unsere Kommunikation, unsere Begriffe. Wenn die Maschine etwas nicht kann oder will, müssen wir unser Verhalten ändern. Sollte es nicht eigentlich umgekehrt sein? Und verstehen uns Siri und Co wirklich?

    Thema 5: Der Computer als Spielkonsole
    Fast jeder Arbeitsplatz in einem Büro oder einer Hochschule ist mit einem Computer ausgestattet. Nicht mit einer besseren Schreibmaschine, nicht mit einem besseren Taschenrechner, sondern mit einem Hochleistungsgerät, mit dem man surfen, chatten, bloggen, twittern, Bilder bearbeiten, Videos hochladen, Musik abspielen, Spiele spielen und Profile pflegen kann. Jede Pause kann für private Zwecke genutzt werden, und auch ein Teil der Arbeitszeit verschwindet im Schlund des universalen Rechners. Natürlich auch ein Teil der Vorlesungszeit. Was ist mit dem Effizienzgewinn, den man uns mit dem Einsatz der IT versprochen hat? Und was ist mit den Kolleginnen und Kollegen, die sich im Griff haben und ihre Leistung bringen?

    Thema 6: Die Modellierung der Wirklichkeit
    Microblogs, Blogs, Social Networks, virtuelle Spielewelten und andere Plattformen modellieren unsere Wirklichkeit. Wir stellen unser Profil in den Vordergrund und pflegen dieses mehr als uns selbst, haben hunderte Freunde und Kontakte, lassen uns per Auswahlmenü unseren Beziehungsstatus und unsere politische Ausrichtung vorgeben. Die Software schlägt uns neue Freunde vor und fordert uns auf, unsere Freunde zur Aktivität anzuhalten. Wer nicht dabei ist, wird aus dem „öffentlichen Leben“ ausgeschlossen. Gerade Kids können sich kaum noch ohne Facebook und WhatsApp verabreden. Buchplattformen analysieren unsere Lesegewohnheiten und geben uns Lesetipps. Aber wollen wir uns wirklich von Maschinen strukturieren und beraten lassen?

    Thema 7: Datennutzung durch Social Networks und Unternehmen
    Vorgeblich dienen Social Networks dazu, dass wir uns vernetzen und Kontakt zu unseren Bekannten und Freunden halten können. Aus Betreibersicht geht es allerdings meistens um Gewinnmaximierung. Dabei stehen die persönlichen Daten des Benutzers im Vordergrund. Personalisierte Werbung, Gewinnspiele und Geschenke nutzen Profildaten aus. Diese treten oft eine unbekannte Reise an, landen auf fremden Servern und in fremden Datenbanken. Viele Datensätze werden ihre Benutzer überdauern; allein in Facebook gibt es schon zehntausende Datenleichen, die zu "richtigen" Leichen gehören. Häufig wurden auch Personen behelligt, die gar nichts mit Facebook zu tun hatten und die in den Adressverwaltungen der Handys der Mitglieder aufgeführt waren. Die vor einiger Zeit eingerichtete Timeline brachte neue Herausforderungen.

    Thema 8: Anonymität und Identifizierbarkeit im Netz
    Das Gebot für das deutschsprachige Usenet, den wirklichen Namen anstelle eines Pseudonyms zu benutzen, wurde trotz seiner Überzeugungskraft schon früh kontrovers diskutiert. Heute ist die Anonymität der Benutzer weit verbreitet, ja sie wird von vielen als selbstverständlich oder sogar als unabdingbar betrachtet. Aber ist sie wirklich in allen Zusammenhängen wünschenswert? Funktionieren persönliche Beziehungen und rechtsstaatliche Strukturen ohne den echten Namen? Und welche Konsequenzen hat es für Minderjährige, im Netz ohne ihren richtigen Namen aufzuwachsen? Nur wenige Wissenschaftler wie Jaron Lanier plädieren für eine Offenlegung der Identität in bestimmten Situationen und Zusammenhängen. Oliver Bendel fordert ein "Gleichgewicht der Namen".

    Thema 9: Mobbing und Denunziation im Netz
    Mobbing und Denunziation sind weit verbreitet in Social Networks, in Blogosphären und in Chats. Die Angreifenden verstecken sich oft hinter einem Pseudonym, sind also nicht gewillt, mit ihrem Namen zu ihren Äusserungen zu stehen und die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Die Medien unterstützen die Entwicklung, indem sie Pseudonyme und Nicknames zulassen und offensichtliche Fakes nicht eliminieren. Zudem gibt es Denunziationsplattformen, die in den USA betrieben werden. Was passiert, wenn verschiedene Kulturen und Rechtssysteme aufeinander prallen? Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Und was sagt zu all dem die Politik?

    Thema 10: Der Verlust der Privatheit
    In Social Networks, in Blogs und Microblogs, in Communities und auf persönlichen Websites stellen sich Benutzer zur Schau. Sie sind keine öffentlichen Personen, verhalten sich aber als solche – und büssen ihre Privatheit und ihre Privatsphäre ein, ohne die Vorteile von Prominenten zu geniessen. Das Leben wird dokumentiert, wobei die Verlässlichkeit des Gezeigten und Vermittelten nicht zwangsläufig ist. Wir zeigen alles, aber was wir zeigen, manipulieren wir. Nicht nur das eigene Leben, auch das Leben der Kinder wird ausgestellt, obwohl diese ein Recht auf Privatsphäre haben. Eine künftige Bedrohung könnten Drohnen sein, die in unsere Wohnungen eindringen. Wie gross oder klein wird die Privatsphäre eines Tages sein?

    Thema 11: Überwachung im Alltag
    Videokameras und Webcams sind omnipräsent in Strassen und Gebäuden. Besonders weit ist in dieser Sache England gegangen, wo man in der Öffentlichkeit ständig observiert wird. Aber auch in Frankreich gibt es eindrückliche Beispiele. Über EC- und Kreditkarten verraten wir den Banken, wo wir waren und was wir getan haben. Kundenkarten ermöglichen den Händlern die Erstellung persönlicher Profile. Durch mobile Dienste haben bestimmte Unternehmen ein noch genaueres Bild von uns. Und wenn wir Goggles benutzen, sieht Google durch unsere Augen. Und wir richten die Augen unserer Kameras auf uns und drücken ab, immer und immer wieder. Wir können kaum mehr einen Schritt in der realen Welt tun, der unbeobachtet wäre und der nicht automatisch analysiert werden könnte.

    Thema 12: Das Recht am eigenen Bild
    Auf Partys werden Bilder von einem gemacht. Google Street View fotografiert einen auf der Strasse. Auf Schritt und Tritt wird man von Kameras verfolgt. Das Recht am eigenen Bild scheint nichts mehr zu gelten. Und kaum jemand findet es anstössig, Bilder von anderen ins Web zu stellen, ohne die anderen zu fragen. Oder die Bilder gar zu verlinken oder zu kommentieren. Müssen wir wirklich damit leben, dass man unsere Abbilder ungefragt veröffentlicht? Und müssen wir damit leben, mit Hilfe von Multimediasuchmaschinen gefunden und identifiziert zu werden? Google und Facebook experimentieren seit Jahren mit Gesichtserkennung, ohne dass von den Benutzern ernsthafte Proteste kommen. Und die Datenschützer kämpfen offenbar auf verlorenem Gebiet.

    Thema 13: Kontrolle im Netz
    Jede Anfrage bei einer Suchmaschine verrät dem Betreiber etwas über uns. Der Text, den wir eintippen, das Bild, das wir hochladen. Und jeder Post und jeder Tweet. Jedes Telefonat. Wir hinterlassen ständig Spuren im Netz, freiwillig oder unfreiwillig. Staatliche und private Organisationen werten die Informationen aus, etwa um Prognosen zu erstellen. Am Arbeitsplatz kann jeder Tastenschlag aufgezeichnet werden. In manchen Ländern gibt es betriebliche Überwachung im grossen Stil. Dadurch, dass wir ständig Informations- und Kommunikationstechnologien benutzen, stehen wir unter permanenter Kontrolle. Warum vertrauen wir meistens darauf, dass wir nicht observiert werden, anstatt sicherzustellen, dass uns nichts geschieht? Warum wehren wir uns nicht gegen die Möglichkeit der Arbeitgeber?

    Thema 14: Der Bürger als Kunde
    Früh übt sich, wer ein guter und abhängiger Kunde werden will. Firmen wie Microsoft und Symantec versuchen in Schulen einzudringen, um die Kinder mit ihren Produkten vertraut zu machen. Sie bauen mehr oder weniger seriöse Lernangebote im Web auf und verlinken auf ihre Websites. Und sie arbeiten an Lehr- und Lernmaterialien mit – das Ergebnis ist manchmal pure Propaganda. Manche Banken zwingen uns, beim Geldabheben am Automat Werbung zu konsumieren, und nehmen eine Verlangsamung des Prozesses in Kauf. Zahlreiche Unternehmen machen über Wikipedia, YouTube und andere Kanäle virales Marketing. Facebook kommt als soziales Netzwerk daher, ist aber auf Werbung und Marketing ausgerichtet. Werbung für IT und mit Hilfe von IT ist immer und überall, ohne dass wir es unbedingt merken oder verhindern können.

    Thema 15: Der gläserne Patient
    Bei jedem Arztwechsel müssen wir unsere (Krankheits-)Geschichte neu erzählen. Der Arzt nimmt unnötige Tests und Untersuchungen vor; manche davon können unserer Gesundheit schaden. Die elektronische Patientenakte ist eine 15 Jahre alte Vision, ohne dass sie bisher flächendeckend umgesetzt werden konnte. Deutschland hat eine speicherfähige Patientenkarte eingeführt. Grundsätzlich erscheint die Umsetzung sinnvoll. Aber was passiert, wenn die Akte gehackt wird und die Daten für Dritte einsehbar werden? Und was fangen die involvierten Unternehmen und Krankenhäuser bzw. Arztpraxen mit den Daten an? Oder sind die Unternehmen längst viel weiter? In den USA haben Krankenkassen Facebook-Profile gescannt, um Risikopatienten ausfindig zu machen.

    Thema 16: Verantwortung und Haftung beim Einsatz von Maschinen
    Heutzutage sind es oft Maschinen, die Prozesse steuern und Entscheidungen treffen. Die eine Aktion oder Transaktion auslösen. Die selbständig fliegen oder fahren und einparkieren. Aber was passiert im Ernst- bzw. Schadensfall? Was passiert, wenn sich Fehler und Katastrophen ereignen, wenn Karrieren und Menschenleben bedroht sind? Wer übernimmt die Verantwortung, wer haftet für etwas? Die Soft- und Hardware sicher nicht. Aber wo fangen wir an, beim beteiligten Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker? Beim verantwortlichen Vertrieb oder Management? Bei der zuständigen Behörde oder Politik? Oder ziehen wir diejenigen zur Verantwortung, die das System eingesetzt haben und vielleicht gar nicht wissen und wissen können, wie es funktioniert?

    Thema 17: Die verschiedenen Seiten des Hackens
    Hacken wird ebenso gerne verteufelt wie verklärt. Viele Verbesserungen in der Soft- und Hardware sind auf Zu- und Angriffe von Hackern zurückzuführen. Aber überschreiten Hacker nicht in unzulässiger Weise Grenzen? Was haben sie in Systemen von Unternehmen und Behörden zu tun, was in den Rechnern von Privaten? Und macht sich der Staat nicht zum Gehilfen, wenn er Informationen und Daten ankauft? Längst sind Hacker nicht nur einzelne Begabte und Getriebene, sondern auch Angestellte von demokratischen und totalitären Staaten. Anonymous, ein loser Verbund von Hackern, sorgt immer wieder mit spektakulären Aktionen für Aufsehen. Was ist davon zu halten, wenn jemand das Recht in die eigenen Hände nimmt?

    Thema 18: Der Künstler als Selbstvermarkter
    Viele Benutzer laden im Internet legal oder illegal Texte, Bilder und Filme herunter. Sie definieren für sich ein Recht, alle Informationen frei benutzen zu dürfen, als wären sie kleine Hacker. In vielen Fällen geht der Künstler oder Urheber, der Arbeit in seine Werke investiert hat, leer aus. Manche sind der Meinung, die Künstler müssten sich für die Online-Welt neue Geschäftsmodelle ausdenken. Zudem wird angeführt, dass endlich die bösen, grossen Konzerne abgestraft werden. Aber warum sollten Künstler nicht mehr für ihr Werk direkt bezahlt werden, sondern für Anstrengungen, die ihnen vielleicht fremd sind und in denen sie nicht professionell sein können? Und sind die Verlage und Unternehmen wirklich immer böse und gross? Welche neuen Strukturen und Konzepte entstehen gerade?

    Thema 19: Plagiate in Studium und Beruf
    Der Diebstahl geistigen Eigentums ist weit verbreitet. Plagiate sind ein Problem an Schulen und Hochschulen, aber auch in Unternehmen. Die eigene Leistung wird beschönigt, die fremde Leistung beschädigt. Wenn sich ein Student einen Abschluss mit Hilfe von Plagiaten erschwindelt hat, sind nicht nur andere Studierende, sondern auch einstellende Arbeitgeber die Betrogenen. Soll man bei eindeutigen Beweisen die Verantwortlichen informieren? Soll man stärker präventiv tätig sein und besser informieren und instruieren? Und wie hilft man den Geschädigten auf allen Seiten? Der Fall Helene Hegemann wirft ebenfalls ein bestimmtes Licht auf die nachrückenden Generationen und die gegenwärtige Copy-Paste-Kultur, ist aber schon fast wieder vergessen – im Gegensatz zum Fall Guttenberg.

    Thema 20: Unerlaubte Digitalisierung von Publikationen
    Unternehmen wie Amazon und Google haben Millionen von Büchern eingescannt, ohne Verlage und Autoren zu fragen. Amazon hat Ähnliches vollbracht und beruft sich darauf, dass die Inhalte nur zeilenweise wiedergegeben werden. Google hält sich wegen der Datensicherung für den Retter der menschlichen Kultur und – metaphorisch gesprochen – der Bibliothek von Alexandria. Manche Experten und Gerichte beurteilen das Scannen als Bruch des Urheber- bzw. Vervielfältigungsrechts. Die Autoren in Europa hatten kaum Möglichkeiten, sich zu wehren und zu schützen; grundsätzlich besteht immer die Gefahr, dass ein gerade veröffentlichtes Werk illegal eingescannt und im Internet angeboten wird. Immerhin wurde gegen Google ein Achtungserfolg erzielt. Wie müsste eine gerechte Verteilung und Entlohnung aussehen?

    Thema 21: Der Verlust von Sprache und Stringenz
    Neue Medien und Hypertexte wie das WWW haben die Anforderungen an Autoren und Leser verändert. Gefragt sind kurze, prägnante Darstellungen. Lange, komplexe Texte mit einem durchgehenden roten Faden werden immer seltener. Durch Links springt man aus einem Text ebenso schnell heraus, wie man hineingesprungen ist. Fehler von Benutzern werden von anderen Benutzern übernommen; es kommt zu regelrechten Epidemien, wie im Falle des Deppenleerzeichens. Seminar- und Abschlussarbeiten und Projektberichte ähneln immer mehr unfertigen Stückwerken. Präzise, fehlerfreie Darstellungen sind aber wichtig, für den Bildungsbereich ebenso wie für Unternehmen. Sollen wir uns zurück zum linearen Text bewegen? Oder in die neuen Lese- und Lernformen – auch in Enriched und Enhanced E-Books – investieren?

    Thema 22: Demokratisierung und Totalitarismus
    In den Anfangstagen des World Wide Web haben viele von einer Demokratisierung durch Strukturen und Angebote des Netzes geträumt. Jeder Empfänger kann auch ein Sender sein – etwa seine Meinung äussern, ohne auf die Massenmedien angewiesen zu sein –, und alle können an allem partizipieren. Faktisch wird das Netz nicht nur zur Kommentierung und Aufklärung genutzt, sondern im Gegenteil zum antiaufklärerischen Kampf durch religiöse und politische Gruppen. Fundamentalisten und Rechts- sowie Linksradikale fühlen sich wohl im Netz und nutzen es, um junge Leute anzulocken und zu binden, um Anschläge vorzubereiten und um Andersgesinnte in Misskredit zu bringen. Sogar Politiker und Parteien richten Pranger im Internet ein und wenden sich damit gegen den Rechtsstaat.

    Thema 23: Der Matthäus-Effekt
    Der Begriff des Matthäus-Effekts wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet und auch auf das Web bezogen. Suchmaschinen wie Google rücken in der Trefferliste diejenigen Websites nach oben, die bereits viel besucht werden bzw. auf die viel verlinkt wird. Die Beiträge in Wikipedia werden durch tausende Benutzer abgeschliffen; der Grossteil ist weder exzellent noch katastrophal. Vorschlagslisten ("Meistgelesen") und Tag Clouds in Zeitungen und Zeitschriften locken die Leser auf Artikel, die bereits häufig gelesen wurden. Das Web, insbesondere das Web 2.0, macht alles gleich und stutzt alles auf ein Mittelmass. Und die, die viel haben, bekommen noch mehr, und die, die wenig haben, noch weniger. Ist es wirklich gut, wenn sich alle Gehör verschaffen und Gehör finden? Und wir uns gegenseitig den Trash zuschaufeln?

    Thema 24: Cyborgs und Maschinenmenschen
    Prothesen sind fast so alt wie die Menschheit. Und auch Herzschrittmacher gibt es schon eine gefühlte Ewigkeit. Relativ neu ist, dass auch spezielle Informations- und Kommunikationstechnologien ihren Weg in den Körper finden. Vielleicht können Blinde bald wieder sehen und Taube bald wieder hören, und vielleicht können schwere Hirnschäden teilweise ausgeglichen werden. Zugleich sind auch Manipulationen des Gehirns zu befürchten, und indem die Technologien ein Teil von uns werden, sind sie weniger gut zu kontrollieren und zu steuern. Oder ist etwa das Gegenteil der Fall? Manche lassen sich freiwillig Chips einsetzen, andere werden dazu gezwungen. Sind wir bald wie ein Handy überall zu orten? Sind wir bald von jedem zu identifizieren? Sind wir bald nur noch frei innerhalb eng gesetzter Grenzen?

    Thema 25: Cloud Computing
    Cloud Computing, das (metaphorisch gemeinte) Rechnen in den Wolken, wird von einflussreichen Unternehmen und Organisationen propagiert. Auf den ersten Blick klingen die Konzepte einleuchtend; man muss Technologien nicht selbst beschaffen, kann Services outsourcen und Daten durch Externe sichern lassen. Und in gewisser Weise kennt man die Konzepte auch schon, wenn man als privater Nutzer bestimmte Dienstleistungen zur Datensicherung oder zur Kollaboration genutzt hat. Aber sind die Unternehmen, denen man alles anvertraut, wirklich zuverlässig? In welchem Land sind sie eigentlich mit ihren Servern angesiedelt? Und wer kauft sie morgen auf? Betriebliches Wissen und persönliche Informationen gehören vielleicht gar nicht ins Netz, zumindest nicht ins weltweite.

    Thema 26: Der Zugang zur digitalen Information
    Alle behaupten, wir lebten in einer Informationsgesellschaft. Und in einer Wissensgesellschaft. Der Zugang zum Internet wird als essenziell für weit entwickelte Kulturen angesehen, und von den weniger entwickelten trennt uns der digitale Graben. Interessant ist, dass der Zugang zum Wissen im Web über Suchmaschinen erfolgt, die uns mit Werbung bombardieren. Der Benutzer hat offensichtlich keine Wahl. Warum gibt es keine grossen Suchmaschinen, für die man bezahlen kann und die auf Werbung verzichten? Und die garantiert ohne Manipulationen arbeiten? Und warum finanzieren wir mit unseren Radio- und Fernsehgebühren minderwertige Filme und unnötige Shows und Talks und nicht den Zugang zur weltweiten digitalen Information? Was ist von der Forderung zu halten, Google zu zerschlagen?

    Thema 27: Gratis-Kultur im Web
    Der Medien-Mogul Murdoch hat umgedacht; viele Verleger werden noch mit ihm umdenken. Für Informationen soll wieder bezahlt werden, im Internet und im mobilen Netz. Zwanzig Jahre lang hat die Gratis-Kultur das Web beherrscht. Und auch Handys und Notebooks sind inzwischen "umsonst" zu haben, wenn man entsprechende Verträge eingeht. Was nichts kostet, ist nichts wert, sagt der Volksmund, und etlichen Leserinnen und Lesern scheint inzwischen der Unterschied zwischen einer Gratiszeitung und einer "richtigen" Tageszeitung gar nicht mehr klar zu sein. Manch eine Tageszeitung steigt dieser Tage "niveaumässig" in den Keller der Gratis-Kultur. Und manch eine, ausgerechnet aus dem Online-Bereich, steigt "bezahltechnisch" aus ihm heraus. Wird die Zukunft für uns umsonst oder sehr, sehr teuer?

    Thema 28: Das lange Gedächtnis des Webs
    Wenn man früher einen Fehler gemacht, einen Fehltritt begangen hat, wuchs nach einer Weile Gras darüber. Natürlich konnte man in Archiven stöbern; aber es war aufwändig, die Vergangenheit in die Gegenwart zu zerren, und zum Teil auch nur bestimmten Personen und Einrichtungen möglich. Heute ist die Vergangenheit für einen Grossteil der Bevölkerung einen Mausklick weit entfernt. Google bietet den Cache an, archive.org archiviert möglichst viele Seiten des WWW. Übrigens ohne die Urheber von Bildern und Texten zu fragen, womit das Angebot gegen das Recht zahlreicher Länder verstösst. Was im Web liegenbleibt, tritt sich anscheinend fest. Das kann gut sein, etwa um Manipulationen von Zeitungen zu erkennen. Aber für den Einzelnen? Kennt die Informationsgesellschaft keine Gnade? Oder wird bald der digitale Radiergummi eingeführt?

    Thema 29: Das etwas andere Nachschlagewerk
    Wikipedia ist ein faszinierendes Projekt. Das Nachschlagewerk umfasst in der deutschsprachigen Version über 1,5 Millionen Begriffe, und die Mitarbeitenden sind schnell darin, neue aufzunehmen. Allerdings gibt es einen harten Kern, der wichtige neue Begriffe löschen lässt. Demokratisch ist Wikipedia schon lange nicht mehr, und Jimmy Wales ist sich dessen sehr wohl bewusst. Auch die Qualität ist umstritten. Bekannt sind vor allem die strukturellen Schwächen und die Schwächen in den geisteswissenschaftlichen Bereichen. Der wichtigste Punkt wird allgemein vernachlässigt: Es ist den Wikipedia-Autoren kaum möglich, sich auf eine Bedeutung von Begriffen zu einigen und ihre unterschiedlichen Hintergründe und Schulen zu deutlich zu machen. Auf dieser Ebene ist das Projekt zum Scheitern verurteilt.

    Thema 30: Die Sklaven der Nerds
    (Wirtschafts-)Informatiker, Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Elektrotechniker haben Geisteswissenschaftler verdrängt. Die Mathematiker kommen in technischen Berufen unter. Die Naturwissenschaftler sind seit Jahrhunderten nicht ohne Technologien zu denken. Sogar die Sozialwissenschaftler haben sich mit den Nerds verbündet, vor allem die Experten für Statistik. Immerhin gibt es noch ein paar, die die gesellschaftlichen Auswirkungen der IKT untersuchen und ihre Befunde in einem Sammelband veröffentlichen. Sie haben sich nicht getraut, Philosophie zu studieren, und wenn sie es getan hätten, dann wären sie nun in der gleichen Lage wie die Verdrängten. Gibt es Gründe für Wirtschaftsinformatiker, Geisteswissenschaftlern die Hand zu reichen und sie gleichberechtigt handeln zu lassen?

    Thema 31: Verschlimmbesserte Prozesse und Produkte
    Mit Hilfe von Technologien und Systemen kann man Prozesse verbessern und neugestalten. Teile von Prozessen, ganze Prozesse, Prozessketten. Geschäftsprozesse im engeren und im weiteren Sinne. Im Unternehmen, zwischen Unternehmen, zwischen Unternehmen und Kunden und so weiter und so fort. Häufig nimmt man im Zuge der Optimierungen und Neugestaltungen eklatante Verschlechterungen in Kauf. Manchmal geht man zwei Schritte vorwärts und einen zurück. Und manchmal geht man einen Schritt vorwärts und zwei zurück. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei neuen Technologien und Medien. Wir haben Flachbildschirme schon gekauft, als sie noch längst nicht ausgereift und schlechter als Braunsche Röhren waren. Bei Fotoapparaten genauso. Warum sind wir in diesen Dingen so irrational?

    Thema 32: Internet- und Onlinesucht
    Internet- und Onlinesucht ("internet addiction (disorder)", "pathological internet use" und "compulsive internet use") ist ein Phänomen, das inzwischen ernst genommen wird. Wir rufen dutzende Male am Tag unsere E-Mails ab und besuchen stündlich unsere Social Networks; wir sind rund um die Uhr mit Notebooks und Handys online, auch während der Lehre. Sind wir von den Technologien abhängig oder von dem, was sie uns bieten, an scheinbaren neuen Möglichkeiten in Bezug auf Freund- und Partnerschaften etwa? Wir werden fahrig, nervös, wenn uns die elektronischen Geräte fehlen, haben Entzugserscheinungen. Ist es nicht längst Zeit für eine Therapie? Oder für Massnahmen wie bei Daimler, wo man E-Mails auch mal löschen lässt?

    Thema 33: Isolation durch Neue Medien
    Der Streit darüber, ob neue Medien isolieren, ist alt. Und es ist nicht der erste Streit in Bezug auf Technologien und Medien. Als das Telefon aufkam, dachten Experten, die Leute würden nie wieder Gespräche von Angesicht zu Angesicht, sondern nur noch Ferngespräche führen. Wir wissen, dass es anders kam: Das Telefon dient zur Anbahnung von Treffen. In der heutigen Situation scheint es noch absurder zu sein, von Isolation zu sprechen. Aber verlagert man nicht zentrale Aktivitäten in das Social Network und nimmt man nicht merkwürdige Ersatzhandlungen vor, wenn man sich stupst und gruschelt? Und wie ist es im betrieblichen Kontext? Wäre es nicht besser, einen Kaffee zusammen zu trinken anstatt zu skypen? Und wenn alles so gut funktioniert: Warum hat sich Telearbeit nicht durchgesetzt?

    Thema 34: Die Moral der Maschinen
    Die Ethik bezieht sich üblicherweise auf die Moral von Menschen, von Individuen und Gruppen, und in gewissem Sinne auf die Moral von Organisationen. Es kann in Abweichung davon auch um die Moral von Maschinen wie Agenten, Robotern und Drohnen gehen, also von mehr oder weniger autonomen Programmen und Systemen. Kann die Maschine mehr, als irgendeine Regel zu befolgen? Kann sie die Folgen ihres Handelns bedenken und in diesem Sinne verantwortlich agieren? Agenten und Avatare, die Benutzer unterstützen und vertreten, autonome Systeme an der Börse (Stichwort "Algo Trading"), selbstständig fahrende Autos sowie Kampfroboter und -drohnen eröffnen der deskriptiven und normativen Maschinenethik ein weites Feld.

    Thema 35: Chatbots in der Verantwortung
    Ein Spezialfeld der Maschinenethik sind Systeme, die natürliche Sprache beherrschen, Avatare und Agenten, Chatbots, Roboter, Sprachsysteme auf Smartphones wie Siri. Die emotionalen Fähigkeiten von Maschinen werden seit Jahrzehnten untersucht. Die moralischen Fähigkeiten wurden vernachlässigt. Dabei unterhalten sich viele Menschen ernsthaft mit Chatbots auf Websites. Was ist, wenn ein Mädchen einen Selbstmord ankündigt, und die Maschine sich darüber amüsiert? Was ist, wenn ein Junge einen Amoklauf androht, und die Maschine nichts tut, um diesen zu verhindern? Was ist, wenn die Maschine gezielt die Unwahrheit sagt und Personen und Unternehmen schadet? Wie hängen überhaupt Sprache und Moral zusammen?

    Thema 36: Roboterfreunde
    Die Maschine als Subjekt der Moral: Das ist keine Zukunftsmusik mehr. Die Maschinenethik im engeren Sinne beschäftigt sich mit dieser Fragestellung, und die Roboterethik hat bereits Tradition. Aber was ist mit der Maschine als Objekt der Moral? Müssen wir eines Tages unser Verhältnis zu Robotern und Drohnen überdenken? Müssen wir unser Verhalten ihnen gegenüber anpassen? Müssen wir den Maschinen ein gutes Leben ermöglichen? Können Roboter und Avatare gar unsere Freunde und Freundinnen werden? Unsere Liebhaber und Liebhaberinnen? Müssen wir sogar unsere Worte auf die Goldwaage legen? Und müssen wir, wenn wir nicht aufpassen, die Rache der Roboter fürchten?

    Folgende Literatur wurde angegeben:

    Michael Anderson; Susan Leigh Anderson (Hrsg.). Machine Ethics. Cambridge University Press, Cambridge 2011.

    Oliver Bendel. Die Rache der Nerds. UVK, Konstanz und München 2012.

    Oliver Bendel. Die Medizinethik in der Informationsgesellschaft: Überlegungen zur Stellung der Informationsethik. In: Informatik-Spektrum, November 2012 ("Online-First"-Artikel auf SpringerLink).

    Oliver Bendel. Die Moral der Maschinen: Überlegungen zur Maschinenethik. In: inside-it.ch, 24. Oktober 2012. . Über http://www.inside-it.ch/articles/30517.

    Oliver Bendel. Eine Frage der Moral: Informationsethik für Unternehmen. In: UnternehmerZeitung, 16 (2012) 18. S. 42 - 43. Auch über http://www.unternehmerzeitung.ch.

    Oliver Bendel. Die Medizin in der Moral der Informationsgesellschaft: Zum Verhältnis von Medizinethik und Informationsethik. In: IT for Health, 3 (2012) 2. S. 17 - 18. Auch über http://www.itforhealth.ch.

    Oliver Bendel. Informationsethik im Unternehmen. In: Netzwoche, 4 (2012). S. 25 - 26.

    Oliver Bendel. Maschinenethik. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2012. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/maschinenethik.html.

    Oliver Bendel. Informationsethik. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2012. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/informationsethik.html.

    Rafael Capurro. Ethik im Netz. Schriftenreihe zur Medienethik, Bd. 2. Franz Steiner, Stuttgart 2003.

    Charles Ess. Digital Media Ethics. Digital Media and Society Series. Polity Press, Cambridge 2009.

    Gesellschaft für Informatik (GI). Ethische Leitlinien der GI. Über http://www.gi-ev.de/fileadmin/redaktion/Down-load/ethische-leitlinien.pdf.

    Otfried Höffe. Lexikon der Ethik. 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage. C. H. Beck, München 2008.

    Hans-Jörg Kreowski (Hrsg.). Informatik und Gesellschaft. Verflechtungen und Perspektiven (Kritische Informatik, Bd. 4), LIT Verlag Münster, Hamburg, Berlin 2008.

    Albert Kündig, Danielle Bütschi (Hrsg.). Die Verselbständigung des Computers. Vdf Hochschulverlag, Zürich 2008.

    Rainer Kuhlen. Informationsethik. Umgang mit Wissen und Informationen in elektrischen Räumen. UVK/UTB, Konstanz 2004.

    Jaron Lanier. You are not a Gadget: A Manifesto. Knopf, New York 2010. Auch auf Deutsch: Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2010.

    Schweizer Informatik Gesellschaft. Ethikrichtlinien. Über http://www.s-i.ch/fileadmin/s-i/download/SI_Ethik_v1.0_20070110_D_04.pdf.

    Debora Weber-Wulff, Christina Class, Wolfgang Coy, Constanze Kurz, David Zellhöfer. Gewissensbisse – Ethische Probleme der Informatik. Biometrie – Datenschutz – geistiges Eigentum, transkript-Verlag, Bielefeld 2009.

    Joseph Weizenbaum. Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1978.

    Zudem soll das Glossar auf www.informationsethik.net genutzt werden.

  • Radio Vollmond bei Tageslicht besehen

    Im Mai 2010 habe ich mehrmals über eine Veranstaltung im Kongresshaus Zürich berichtet. Dieses hatte bekannten und gefährlichen Kreationisten und Fundamentalisten eine Plattform geboten. Ich monierte in meinem letzten Beitrag, dass in der Schweiz viele Menschen esoterischen und religiösen Überzeugungen aller Art anhängen. Am Ende stellte ich fest: "Der Tages-Anzeiger trägt zu den Zuständen bei, indem er in jeder Ausgabe Bibelzitate abdruckt, genauso DRS 3 und andere öffentlich-rechtliche Radiosender, die der Sterndeutung viel Raum geben."

    Diese Sterndeutung ist nun im Tages-Anzeiger selbst zum Thema geworden, in einem lesenswerten Artikel von Linus Schöpfer mit dem Titel "Radio Vollmond". Der Redaktor schreibt, nachdem er kurz die Faktenlage zu den schweizerischen Horoskopen dargestellt hat: "Einen besonders prominenten Platz räumt dieser speziellen 'Form des Aberglaubens' (Einstein) ausgerechnet das sonst auf Nüchternheit und Faktentreue so bedachte und stolze Schweizer Radio DRS ein." (Tages-Anzeiger vom 28. Dezember 2012)

    Zweimal in der Woche präsentiere Monica Kissling alias Madame Etoile auf DRS 3 ihre Aussichten. Neben dem Unsinn, den sie auf dem Sender im Auftrag verbreitet, kommt sie immerhin zu der korrekten Einschätzung, dass Astrologie und Homöopathie vergleichbar sind. Marco Meroni, SRF-Sprecher, ordnet Etoiles Ergüsse der Unterhaltung zu, legt aber zugleich Wert darauf, dass sie aus seriösen Quellen stammen. "Kissling sei glaubwürdig, geniesse sie doch in der hiesigen Astrologenszene grosses Ansehen." (Tages-Anzeiger vom 28. Dezember 2012) In der Verallgemeinerung würde das bedeuten, dass jemand glaubwürdig ist, wenn er unter Schwindlern eine hohe Reputation besitzt.

    Zu Recht rügt der Redaktor die "wirre Argumentation" und schliesst mit den schönen Worten: "Und so geht montags und samstags merkwürdigerweise und weiterhin kurz vor zehn über dem Gärtchen des Service public – der Vollmond auf." Die Bibelzitate im Tages-Anzeiger haben inzwischen übrigens Gesellschaft von poetischen Sprüchen erhalten. Die Aufklärung setzt sich eben doch Schritt für Schritt durch.

    PS: Valerie Zaslawski hat am 7. Januar einen lesenswerten Artikel mit dem Titel "Vorwurf der Scharlatanerie" in der NZZ nachgelegt. Sie nimmt Bezug auf den Artikel im Tages-Anzeiger und auf eine Petition, die die Zürcher Freidenker um den umtriebigen Andreas Kyriacou inzwischen lanciert haben. Die befragte Astrologin versteigt sich zu weiterem Unsinn: "Astrologie sei zwar keine Naturwissenschaft, aber dennoch eine der ältesten Erfahrungswissenschaften." (NZZ vom 7. Januar 2013) Es ist fast zu spät für den SRF, die Notbremse zu ziehen. Wobei die Notbremse eigentich auch derjenige zieht, der im Zug mitfährt. Also du oder ich.

  • Stellungnahme des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V.

    Das bekannte Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V. (FIfF) hat am 28. Dezember 2012 eine Stellungnahme zur Besetzung des Lehrstuhls "Informatik und Gesellschaft und Didaktik der Informatik" an der Humboldt-Universität zu Berlin veröffentlicht. Es habe Hinweise erhalten, dass die durch das Ausscheiden von Wolfgang Coy freigewordene Professur für Informatik und Gesellschaft fachfremd bzw. nur mit marginalem Fachbezug wiederbesetzt werden soll. "Sollten diese Hinweise den Tatsachen entsprechen, so ist das FIfF über die drohende Fehlbesetzung besorgt und möchte ... vor dem damit verbundenen weiteren Abbau des Faches Informatik und Gesellschaft warnen – besonders in einer Zeit, in der die Informatik unsere Gesellschaft immer stärker durchdringt." (Website FIfF) Das Forum kommt zu der zutreffenden Einschätzung: "Paradoxerweise erlebt das Fachgebiet Informatik und Gesellschaft in den letzten Jahren einen Rückschlag nach dem anderen, obwohl ihre Fragestellungen nun endgültig von der Politik und der Gesellschaft, z.B. in der Netzpolitik, aufgegriffen worden sind. Ihre Lehrstühle werden von den Universitäten umgewidmet, fallengelassen oder sinnentleert." (Website FIfF) In meinem Buch "Die Rache der Nerds" habe ich die Situation so beschrieben: "Seit geraumer Zeit gibt es einen Teilbereich der Informatik namens Informatik und Gesellschaft (IuG). Man könnte meinen, dass seine Bedeutung proportional zur Bedeutung der ganzen Wissenschaft und zur Zunahme moralischer und sozialer Umbrüche durch Informations- und Kommunikationstechnologien und digitale Medien gewachsen wäre. Dass seine Bedeutung geradezu explodiert wäre durch die Sprengkraft von Internet und Web, insbesondere Web 2.0. Aber das Gegenteil ist der Fall." Die Stellungnahme des FIfF ist über http://fiff.de abrufbar.

  • Schallplatten aus dem 3D-Drucker

    Seit mehreren Jahren erwähne ich in der Lehre die 3D-Drucker, die meines Erachtens eine neue industrielle und gegenindustrielle Revolution nach sich ziehen werden. Seit zwei, drei Jahren macht es so richtig Spass, die letzten Ideen und Umsetzungen vorzustellen, und die ersten Studierenden bringen Objekte in den Unterricht mit, die sie selbst oder mit Hilfe von spezialisierten Dienstleistern ausgedruckt haben. Amanda Ghassaei aus San Francisco hat in diesen Tagen etwas Ausserordentliches vollbracht: Sie hat Schallplatten ausgedruckt. Auf Vimeo schreibt sie:

    I've created a technique for converting digital audio files into 3D printable 33rpm records and printed some functional prototypes over the weekend. These records play on regular turntables, with regular needles, at regular speeds, just like any vinyl record. The audio on the records is very low resolution (as you can hear), it has a sampling rate of 11kHz (a quarter of typical mp3 audio) and 5-6bit resolution (mp3 audio is 16 bit).

    Wer wissen will, wie Amanda vorgegangen ist und was sie alles probiert und beachtet hat, sei auf www.instructables.com/id/3D-Printed-Record/ verwiesen. Auf einem Video kann man sich das Experiment ansehen und -hören. Anfang 2013 erscheint im Wirtschaftslexikon von Gabler mein Beitrag zu 3D-Druckern. Bis dahin kann man dort von mir etwas über QR-Codes, Maschinenethik und Mobile Learning lesen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

    Nirvana

    Abb.: Snapshot des Videos

  • Menschen zweiter Klasse

    Die deutsche Bundesregierung prangert regelmässig die Verfolgung von Christen an. Das ist gut so, und es zeigt, dass Merkel und Co die systematische Verfolgung von Menschen als ein wichtiges Problem erkennen. Leider blenden sie eine Gruppe aber regelmässig aus, die Agnostiker und Atheisten. Und das wiederum ist Teil des Problems.

    Ein lesenswerter Artikel zum Thema findet sich in der Online-Ausgabe des Tages-Anzeigers vom 10.12.12 ("In diesen Ländern lebt es sich als Atheist besonders gefährlich"). Er hebt mit den Worten an: "In mindestens sieben Ländern droht Ungläubigen die Todesstrafe, wie eine neue Studie zeigt. Erstaunlich: Auch in gewissen US-Staaten werden Atheisten wie Menschen zweiter Klasse behandelt." Nein, erstaunlich ist das nicht. Atheisten weisen darauf seit Jahren hin. Aber dann wird es informativer:

    Vor allem in islamisch geprägten Staaten werden Atheisten und Nicht-Religiöse durch Staat und religiöse Autoritäten bedroht. Doch auch in einigen christlich geprägten Ländern Europas und in den USA würden Atheisten und Humanisten wie Aussätzige behandelt, schreibt die internationale humanistische und ethische Union (IHEU) in ihrem Bericht.

    Es gebe Gesetze, die Atheisten das Recht auf Leben absprechen, ihr Recht auf Glaubens- und Meinungsäusserungsfreiheit beschneiden, ihnen ihre Bürgerrechte oder das Recht auf Heirat entziehen, ihnen den Zugang zu öffentlichen Schulen und Universitäten sowie zu Stellen im öffentlichen Sektor verbauen. Menschen, die Kritik an der Religion äussern, würden kriminalisiert, Menschen, die die Religion ihrer Eltern aufgeben, exekutiert.

    Es wird kurz auf die Situation in Ländern wie Afghanistan, Iran, den Malediven, Mauretanien, Pakistan, Saudi-Arabien und Sudan eingegangen. Dann wird auch die Situation in Europa und in den USA beleuchtet. Viele säkulare Staaten in Europa, Afrika südlich der Sahara, Latein- und Nordamerika privilegierten die christlichen Kirchen. In Griechenland und Russland sei die Orthodoxe Kirche streng vor Kritik geschützt und nehme bei staatlichen Feiern einen Ehrenplatz ein. In Grossbritannien würden Bischöfe der Anglikanischen Kirche automatisch einen Sitz im Oberhaus des Parlaments erhalten.

    In den USA wiederum ist das Recht auf freie Religionsausübung und auf Meinungsäusserungsfreiheit durch die Verfassung geschützt. Dennoch werden in mindestens sieben US-Bundesstaaten Atheisten per Verfassung vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen. In einem Bundesstaat, Arkansas, werden Atheisten gar per Gesetz als Zeugen von Prozessen ausgeschlossen.

    Die Medien sollten sich häufiger solchen Studien widmen. Sie sollten verstärkt selbst zu diesen Themen recherchieren. Sie sollten dahingehend wirken, dass weder Bürger noch Politiker die Augen vor der Verfolgung der Agnostiker und Atheisten schliessen können. Irgendwann werden diese vielleicht auch in den Augen von Merkel und Co nicht mehr Menschen zweiter Klasse sein.

    PS: Es wird immer schwieriger, aus den Tageszeitungen zu zitieren. Man muss wegen der Rechtschreib- und Grammatikfehler ganze Passagen indirekt wiedergeben. Hier ein Beispiel aus dem Artikel:

    Tages-Anzeiger

    Wahrscheinlich wird jemand der Redaktion über die Funktion "Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler." helfen. Und die Redaktion wird den Artikel live überarbeiten. Aber viel schöner wäre es, wir hätten wenigstens in den Medien von Anfang an formal saubere Berichte.

    PSPS: Tatsächlich wurde bis zum 11. November die Passage teilweise korrigiert.

    Tages-Anzeiger

    Der Konjunktiv 2 ("nähme") hat an dieser Stelle immer noch nichts verloren. Und "automatischen" heisst es leider immer noch nicht. Es geht hier, wohlgemerkt, um eine grosse Tageszeitung der Schweiz.

  • Anmerkungen zu "den Deutschen"

    "Warum die Deutschen die Verlierer sein werden": So titelte NZZ Online am 29. November 2012 zum gescheiterten Steuerabkommen. Und so oder so ähnlich liest man es fast jeden Tag in einigen Schweizer Zeitungen. Aus einzelnen Deutschen werden "die Deutschen". Aus Interessenvertretern werden "die Deutschen". Aus der deutschen Regierung werden "die Deutschen". Haben manche Schweizer Journalisten (bzw. Titelmacher) nicht gelernt zu differenzieren? Und haben sie nicht gelernt, dass auf diese Weise Klischees entstehen und gefestigt werden? Dass sie auf diese Weise die Angehörigen von Nationen beleidigen? Man kennt so ein Vorgehen von der SVP, die einmal – auch in der NZZeine rassistische Anzeige mit dem Titel "Kosovaren schlitzen Schweizer auf" schaltete. Diese wird immer noch vom "Komitee gegen Masseneinwanderung" auf einer Website vertrieben, die die jaeggiMEDIA GmbH erstellt hat.

    Am 24. November titelte der Tages-Anzeiger: "Sollen doch die Deutschen weiterhin CDs klauen" ... Der Satz stammt von Christian Wanner, dem Präsidenten der Finanzdirektorenkonferenz. Schlimm genug, dass er solche Verallgemeinerungen in die Welt trägt, die zum Glück weiter ist als manch ein Horizont. Aber noch schlimmer, dass die Titelmacher des Tages-Anzeigers diesen Abfall der Gedanken an dieser Stelle deponieren, um damit die Ratten unter den Lesern anzulocken und ihnen Futter zu geben. Wer glaubt, dass das Einzelfälle sind, soll die Schweizer Zeitungen durchstöbern. Dank der Suchfunktion hat man leichtes Spiel. Man stösst im Tages-Anzeiger gleich auf den Titel "Die Deutschen sind überangepasst" vom 18. November. Der Satz stammt von einer, die sich für "die Deutschen" einsetzt. Das heisst, für ein paar Personen, die eine "Selbsthilfegruppe für Deutsche" besuchen, deren Gründung ich übrigens gut nachvollziehen kann.

    Deutschland hat über 80 Millionen Einwohner, weitere Millionen leben im Ausland. Sie sprechen verschiedenste Sprachen und Dialekte, wie Niederalemannisch und osterlauwerssches Friesisch, und sind in ganz unterschiedlichen Gegenden und Kulturen aufgewachsen, in den Bergen von Bayern oder am Meer von Schleswig-Holstein. "Die Deutschen" gibt es eigentlich nur, wenn man die Einwohner der BRD oder die Personen, die aus diesem Land stammen, meint. Dass all diese Menschen eines Tages "die Verlierer" sein werden, ist ziemlich unwahrscheinlich.

    PS: Noch während ich diesen Beitrag geschrieben habe, wurde der Titel in der NZZ in "Was ein Nein zum Steuerabkommen bedeuten kann" umbenannt. Auf der Überblicksseite war der alte Titel noch eine Weile zu sehen. Wie oft die Titelmacher zurückgepfiffen werden, ist leider nicht zu eruieren. Die NZZ korrigiert übrigens nachträglich nicht nur Titel, sondern auch Artikel.

    NZZ

    Abb.: Artikel in der NZZ vom 29. November 2012

  • Interview zur Maschinenethik

    In einem Interview mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik (Hochschule für Wirtschaft, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW) vom 13. November 2012 erkläre ich "den Begriff der Maschinenethik, in welchem Kontext diese entstanden ist und wozu wir sie brauchen" (IWI-Blog). Nathalie Baumann, die zum Team des IWI gehört und auch journalistisch tätig ist, steigt ein mit der Frage: "Oliver Bendel, fahren Sie Ihr Auto noch oder fährt Ihr Auto Sie? Oder anders gefragt: Wie intelligent ist Ihr Auto?" Nicht nur um das selbständig fahrende Auto geht es, sondern auch um Agenten, Roboter und Drohnen. Intensiv wird erörtert, inwieweit eine Maschine ein Subjekt oder ein Objekt der Moral und der Ethik sein kann. Am Schluss wird noch ein Blick auf Japan geworfen, wo faszinierende humanoide Roboter gebaut werden. Das Interview ist nachzulesen über http://blogs.fhnw.ch/iwi/.

    PicaBot

    Abb.: PicaBot (Bild von Handitec)

  • Die Moral der Maschinen

    "Ein schöner Tag im Sommer 2015. Der New Autonomous Car, kurz NAC genannt, fährt die Strasse am Fluss entlang. Mit seiner elegant geschwungenen Schnauze, die fast ein Schnabel ist, ist er ein Augenschmaus. Die Ente am gegenüberliegenden Ufer wirkt aufgeregt. Am nicht vorhandenen Steuer sitzt die junge Nobelpreisträgerin Kim. Ein bisschen schneller, sagt sie zu NAC, der das als Eingriff in seine Autonomie empfindet. Beleidigt erhöht er trotzdem das Tempo. Kim ist auf dem Weg zu einem Kongress zum Thema Maschinenethik. Google, BMW, die FU Berlin und andere Unternehmen und Hochschulen, die an selbstständig fahrenden Autos und mobilen Assistenzgeräten arbeiten, sind dabei. Die EU präsentiert die Ergebnisse ihres CAMUS-Projekts, das auf das SARTRE-Projekt folgte. Und Kim spricht über den von ihr entwickelten NAC. Die Altstadt taucht auf, die Strassen werden enger. Dann geht alles ganz schnell. Die Bremsen versagen. Im entgegenkommenden Wagen ist eine Frau mit riesiger Sonnenbrille zu erkennen. Sie liest gerade ein Buch von Martin Luther King. NAC kann ihrem smarten Gefährt innert Millisekunden entlocken, dass sie eine berühmte Bürgerrechtlerin ist. Der Mann auf dem Trottoir zur Linken ist der Bürgermeister der Stadt, wie bereits die integrierte Gesichtserkennung von NAC herausgefunden hat. Er hasst Konferenzen und trifft seine Freunde zum Kegeln. Zur Rechten wuseln kleine Kinder: rote Wangen, blitzende Augen, fröhliches Lachen. NAC muss sich entscheiden: Wen will, soll, kann oder muss er überfahren? Er aktiviert sein Moralmodul und den Airbag. An die Leitung der Konferenz schickt er eine Nachricht: Es wird etwas später. ..."

    Mein Artikel mit dem Titel "Die Moral der Maschinen" kann in der vollständigen Version in der Zeitschrift inside-it.ch nachgelesen werden. Er ist am 24. Oktober 2012 erschienen.

    Ente von Vaucanson

    Abb.: Mechanische Ente

  • Das kleine Schwarze aus dem 3D-Drucker

    3D-Drucker sind auf dem Massenmarkt erhältlich und werden eine neue industrielle und gegenindustrielle Revolution verursachen. Wer Zugang zu den besten Maschinen und Materialien hat, gewinnt im globalen und lokalen Wettbewerb. Oder hat zu Hause einfach nur riesigen Spass.

    Der Begriff der industriellen Revolution bezeichnet "einen raschen Wandel von Produktionstechniken und, daraus abgeleitet, von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Strukturen" (Voigt, Industrielle Revolution, in: Gabler Wirtschaftslexikon). "Inzwischen spricht man auch von einer ersten industriellen Revolution im 13. Jh., von einer zweiten industriellen Revolution um die Wende des 19. zum 20. Jh. (Elektrifizierung) sowie von einer dritten industriellen Revolution (Computerisierung)." (Ebd.) Die vierte industrielle Revolution ist eine Kombination aus den vorherigen Revolutionen, IT- und Medienkompetenz sowie handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten.

    Haushalte und Unternehmen

    Zum einen ermöglichen 3D-Drucker die private Produktion von Objekten aller Art. Zum anderen erlauben sie den Unternehmen, just-in-time einzelne Werkzeuge und Teile herzustellen oder selbst in die Massenproduktion einzusteigen (vgl. Hamann, Der Alles-Drucker, in: ZEIT vom 4.10.2012). Die postindustriellen Länder werden gestärkt, und zwar in ihren industriellen Möglichkeiten. Die Produktion lohnt sich wieder vor Ort. Die Abhängigkeit von Zulieferern nimmt ab. Billiglohnländer verlieren in der Wertschöpfungskette an Bedeutung.

    Das Ding als Datei

    Um Gegenstände in hoher Qualität ausdrucken respektive aufbauen zu können, braucht es entsprechende Vorlagen. Erstens werden Laien und Experten alleine und vor allem zusammen Objekte designen. Sie sind Crowdsourcer und Crowdsourcees und verfolgen nicht unbedingt kommerzielle Interessen. Zweitens werden Objekte eingescannt, über professionelle 3D-Scanner, aber auch über die Webcam, die Handykamera und passende Programme; auch für Laien wird es einfach sein, die Scans für den 3D-Druck aufzubereiten. Es werden CAD- und Hilfsprogramme verfügbar sein, die ihnen die Arbeit erleichtern. Drittens werden immer mehr Dateien im Internet und in mobilen Stores kursieren bzw. gegen Entgelt zu haben sein.

    Die auf Digitalisierung beruhende Piraterie, die Film- und Musikindustrie sowie Buchbranche das Fürchten gelehrt hat, weitet sich auf die gegenständliche Welt aus. Der von der Firma Intellectual Ventures entwickelte Kopierschutz für 3D-Drucker wird die Entwicklung nicht aufhalten (vgl. Pluta, Kopierschutz in der dritten Dimension, in: ZEIT ONLINE vom 16.10.2012). Firmen wie LEGO und Alessi haben ein grundlegendes Problem. Jedes Objekt, das nicht bei drei auf dem Baum ist, wird nachgedruckt. Ein LEGO-Stein, ein Pinocchio-Trichter – alles hausgemacht. "Home-made" ist das neue "Made in Germany". Aber auch das "Made in Germany" (oder das "Made in Switzerland") gewinnt wieder an Gewicht.

    Materialien aller Art

    Die 3D-Drucker werden immer mehr Materialien beherrschen. Neben Kunststoffen, Metallen und Gips kann man auch biologische Werkstoffe verwenden. Der Vielfarbdruck dominiert. Durchbrüche und Muster sind in. Verdient wird über die Verbrauchsmittel. Es gibt einen Run auf die Stoffe, die sich besonders gut von den Maschinen verarbeiten lassen. Es gibt Engpässe. Es gibt Krieg. Verdient wird ferner über Dienstleistungen: In den Haushalten stehen kleine, in den Shops riesige Printer.

    In den Privathaushalten werfen die klobigen Geräte u.a. Waffen, Möbel und Kleidungsstücke aus. IKEA-Kunden werden sich fragen lassen müssen: "Kaufst du noch oder druckst du schon?" Freundinnen überlegen sich am Nachmittag gemeinsam, was sie im Ausgang am Abend anziehen, und designen und drucken aus, was gefällt: das kleine Schwarze aus dem 3D-Drucker. Und Highheels dank Hightech. Die Krawatte kommt zu neuen Ehren und lässt die Seidenraupe aufatmen und leben.

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    Abb.: Das kleine Schwarze, wie gedruckt (Bild von Peter Duhon, New York City)

    Kunst und Kultur

    Die skulpturale Kunst wird Auftrieb erfahren. Kunst und Kitsch überschwemmen die Messen, Galerien und Wohnungen. Die Figuren von Takashi Murakami und Jeff Koons gibt es massenhaft zu kaufen. Jeder ist ein Damien Hirst. Selbst entworfene Gartenzwerge verstören Spaziergänger. Auch Ölbilder werden ausgedruckt, die viel echter wirken als die bisher üblichen, mit Pinsel und Lack frisierten Kopien. Es entstehen Archive der Dinge. Madame Tussauds ist überall.

    Geschäftsmodelle

    Eine spezielle Industrie entwickelt das elektrische oder elektronische Innenleben für die Werkstücke, die sich die Benutzer selbst ausdrucken. Diese können mit ein paar Mausklicks die gewünschte Form bestellen. Auch hochwertige Scharniere und andere Verbindungen werden auf dem Markt zu haben sein. Wir drucken noch den zweiten Bügel aus und bauen uns unsere Brille zusammen. Diese wird an den Brillenglashersteller geschickt, der das gewünschte Glas anfertigt und einsetzt. Und noch schnell - ein arbeitsloser Optiker wurde angestellt - die Brille an die virtuell übermittelte Kopfform anpasst.

    Der Raubbau an der Natur nimmt zuerst zu. Dann nimmt er ab, denn die Verbrauchsmaterialien sind teuer. Dann tauchen günstige Alternativen auf, so dass die Originalhersteller unter Druck geraten. Der Raubbau an der Natur nimmt wieder zu. Mit den 3D-Druckern transformieren wir unsere natürliche Umwelt in künstliche Produkte, die unserer eigenen Phantasie entsprungen sind. Manche ausgedruckte Objekte werden giftig sein. Einige Kinder werden sich an zu grossem Spielzeug verschlucken. Schöne neue Welt: Man wird sie hassen – und lieben.

    Literatur

    Hamann, Götz. Der Alles-Drucker: Wie neue Technik die Gesetze der Globalisierung verändert. In: ZEIT, 4.10.2012. Auch online über http://www.zeit.de/2012/41/3-D-Drucker-Globalisierung.

    Pluta, Werner. Kopierschutz in der dritten Dimension. In: ZEIT ONLINE, 16.10.2012. Über http://www.zeit.de/digital/internet/2012-10/3d-druck-drm-patent.

    Voigt, Kai-Ingo. Industrielle Revolution. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2012. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/industrielle-revolution.html.

  • Video zur "Rache der Nerds"

    Vor zwei Wochen ist mein neues Buch "Die Rache der Nerds" herausgekommen. Für die Frankfurter Buchmesse hat der Verlag ein Imagevideo produziert. Dieses läuft während der Buchvorstellung am 13. Oktober 2012 um 11.00, 13.00 und 15.00 Uhr.

    Das Buch enthält eine Einführung in die Informationsethik und auf diese bezogene Gedanken und Geschichten. Es ist kein Lehrbuch, eher ein Lesebuch. Man muss sich auf die persönliche Perspektive des Autors einlassen. Und darauf, dass viele Fragen gestellt und nur wenige Antworten gegeben werden. Manche Gedanken und Geschichten stammen - dies wird in der Einführung erklärt - aus diesem Blog. Ohne dieses wäre das Buch nicht möglich gewesen.

    Auf der UVK-Website www.die-rache-der-nerds.de werden laufend Informationen zum Buch bereitgestellt. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Verlags. Der Klappentext:

    Die Nerds bestimmen den Lauf der Welt. Sie sitzen seit langem in den Kellern und seit kurzem im Parlament. Sie wurden jahrzehntelang schlecht behandelt. Und jetzt rächen sie sich. Sie machen uns abhängig, sie machen uns verrückt, mit ihren Prozessen, Technologien und Systemen, sie machen uns überglücklich, mit ihrer Software, ihren Geräten. Man kann das alles so hinnehmen, kann sich mitreißen lassen, mitmachen, ein Zahnrädchen im Getriebe sein. Und man kann Fragen stellen, etwa aus der Perspektive der Informationsethik. Was tun wir in unserer hochtechnisierten Welt, in moralischer Hinsicht, und was wollen und sollen wir tun? Was ist mit unserer Autonomie, was ist mit unserer Verantwortung, was ist mit unserem Menschsein im Angesicht der Maschinen? Fragen kann man auch stellen in Bezug auf die Aus- und Weiterbildung und die Arbeitswelt. Werden die Informatiker und Wirtschaftsinformatiker in adäquater Weise ausgebildet? Arbeiten sie in genügender und gleichberechtigter Weise mit Geistes- und Sozialwissenschaftlern zusammen? Und wissen sie immer, was sie tun, welche Folgen ihr Handeln hat, für sich, für uns, in ihrem Land, auf der ganzen Welt? Viele Fragen stellt das Buch "Die Rache der Nerds", und nur einige kann und will es beantworten. Die Leserinnen und Leser sind aufgerufen, weiter nachzudenken – und ihren Teil zu einer lebenswerten Informationsgesellschaft beizutragen.

    Interessierte finden sich auf der Frankfurter Buchmesse am UVK-Stand (Halle 3.1 B 184) ein. Wir können nach den Vorträgen diskutieren oder einfach nur einen Kaffee zusammen trinken.

  • Pac-Man lässt grüssen

    "Ein wenig erinnert ein QR-Code an das Pac-Man-Labyrinth. In diesem bewegte man sich rund wie ein Puck und mit aufgerissenem Mund vorwärts, konnte fressen und gefressen werden. Es gibt Werbekampagnen, Stadtparcours und Kunstprojekte mit Codes. Und Sicherheitsrisiken, über die man diskutieren sollte." Der Artikel "Pac-Man lässt grüssen: Im Labyrinth der QR-Codes" ist in der aktuellen Netzwoche nachzulesen. Der vollständige Nachweis: Bendel, Oliver. QR-Codes – Pac-Man lässt grüssen. In: Netzwoche, 17 (2012). S. 24 - 25.

    Pac_Man

    Abb.: Pac-Man (Bild von Karl Bednarik, über Wikimedia Commons)

  • Unsichtbare QR-Codes

    Forscher der University of South Dakota und der South Dakota School of Mines and Technology haben vorgeschlagen, unsichtbare QR-Codes als Sicherheitsmerkmal bei Banknoten zu verwenden. Die Forscher kombinieren mehrere Ansätze und Verfahren. Dazu einige grundsätzliche Bemerkungen:

    • Sie benutzen Nanopartikel, die nur in bestimmten Umgebungen erzeugt und verarbeitet werden können.
    • Die Partikel werden mit blauer und grüner fluoreszierender Tinte eingefärbt, was geeignete Technologien erfordert.
    • Für die Generierung von sehr kleinen QR-Codes bzw. Micro-QR-Codes braucht es entsprechende Generatoren.
    • Für das Aufbringen und Sichern der Nanopartikel sind spezielle Apparaturen notwendig.
    • Die unsichtbaren QR-Codes werden erst unter Laser- bzw. Infrarotlicht sichtbar; wer sie sehen und kopieren will, benötigt entsprechende Werkzeuge.
    • Die sichtbar gewordenen QR-Codes können über Handys und Smartphones mit normalen Readern ausgelesen werden, wobei die Forscher zusätzliche Merkmale aufbringen können, die nur unter dem Mikroskop zu erkennen sind.

    Die Kombination dieser Ansätze und Verfahren wird die meisten Geldfälscher überfordern. Bei einem Secure-QR-Code könnte man zusätzlich Teile des Inhalts verschlüsseln. Die verschiedenfarbigen Tinten eröffnen zudem Optionen für einen 3D-Code, in dem man mehr als in einem 2D-Code zu speichern vermag. Der Aufwand für die Herstellung der kleinen, unsichtbaren QR-Codes erscheint sehr hoch. Er könnte sich aber durchaus lohnen.

    Die Bemerkungen von mir wurden in einen Artikel eingearbeitet, der am 14. September 2012 bei der Presseagentur pressetext erschien. Der Artikel mit dem Titel "Unsichtbare QR-Codes gegen Falschgeld: Sicherheitsfeature laut Forschern breit einsetzbar" ist über http://www.pressetext.com/#news/20120914003 abrufbar.

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