Ich wurde freundlicherweise dazu eingeladen, einen Beitrag zur 3. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival zu leisten. Obwohl ich wie Rolf Schulmeister prinzipiell nicht blogge (s. Carnival Nr. 2), will ich mein Netzwerk nicht verprellen, denn heutzutage hat man ja nur noch sein Netzwerk und seine Kontakte und seine Freunde, die man noch nie kennengelernt hat. (Und man hat auch kein Gesicht, sondern ein Profil. Aber dazu ein anderes Mal mehr.) Also beschloss ich, laut nachzudenken. In meinem Blog. Natürlich nenne ich mein Blog nicht mehr Blog, denn Blog ist so etwas von Steinzeit. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Die Ausschreibung lautet wie folgt: "Mit Begriffen wie Net Generation und Digital Natives wird auch ein Generationenkonflikt thematisiert (Lehrer/innen und Schüler/innen, Dozierende und Studierende). Während die junge Generation mit den digitalen Medien aufgewachsen ist und zumindest ein Teil von ihnen diese in ihren verschiedenen Formen selbstverständlich nutzen, ist dies bei der älteren Generation weniger stark ausgeprägt. Gleichzeitig wird der Net Generation zugeschrieben, dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen. Welche Folgen hat das für die Unternehmen? Welche Anforderungen bringen die Digital Natives mit in die Unternehmenswelt und wie werden die Unternehmen darauf reagieren? Welche Chancen bietet diese Generation für die Unternehmen und gibt es vielleicht auch Risiken? Gibt es (auch) einen Generationen- oder Kulturkonflikt zwischen den Vorgesetzten/älteren Arbeitnehmern und den Berufseinsteigern? Oder gibt es die Net Generation vielleicht gar nicht?"

Zuerst dachte ich über den Begriff der Net Generation nach. Wenn es richtig ist, was ich meinen Studierenden gegenüber behaupte, ist das Internet etwa so alt wie ich. Praktisch an dieser Aussage ist, dass ich sie bis zu meiner Pensionierung wiederholen kann. In den 70er-Jahren kamen Foren und E-Mails auf, in den 80er-Jahren Chats. Um 1990 wurde das Web erfunden und entwickelt. Usw. Ich bin also sowas von Net Generation. Trotzdem würde man mich auf den ersten Blick mindestens als Digital Grufti bezeichnen … Es kommt noch dazu, dass ich in der ersten Hypephase des Web – es gab ja schon mehrere – mein zweites Studium absolviert habe, das vor allem das Web zum Gegenstand hatte (zum Thema, dass Informatik, Wirtschaftsinformatik etc. selbstreferentielle Systeme sind und solche schaffen, ein anderes Mal mehr). Ich wurde also als Digital Grufti zum Digital Native ausgebildet. Ich wurde quasi in das Web neu hineingeboren und nahm seine Sprache und Kultur an. Allerdings erst einmal nur die Sprache und Kultur des Pfui-pfui-pfui-Web-1.0 (dazu ein anderes Mal mehr). Kurz und gut und Spass beiseite: Obwohl ich mit Internet und Web gross und schlau geworden bin, gehöre ich eigentlich nicht zu den Digital Natives (es wird dann ja auch unverhüllt von "jüngerer Generation" gesprochen). Ich weiss indes hoffentlich mehr über Internet, Web 1.0 und Web 2.0 als die meisten meiner Studierenden. Nun kann man sagen, dass Professoren eine Ausnahme in diesem Kontext darstellen, weil sie mit der Verleihung des Titels die Weisheit an sich eingeflösst bekommen, wobei ich daran nicht so recht glaube. Und ich stelle mit Erschütterung fest, dass die angeblichen Angehörigen der Net Generation und die angeblichen Digital Natives in meinen Kursen vor allem eines können: googeln. Sie benutzen aber noch nicht einmal Google Scholar und Google Books etc. (vielleicht, weil diese Werkzeuge teilweise auf illegalem Wege entstanden sind?), sondern den blanken Suchschlitz der zweifelhaften Firma. Sie suchen noch nicht einmal PDFs, sondern ins blanke HTML hinein. Das Ergebnis ist oft blanker Unsinn, mit Copy und Paste in eine Seminararbeit kopiert. Ein roter Faden fehlt; ein Hypertext hält die Gedanken gefangen.

In einem weiteren Gedankenschritt rätselte ich über den Begriff des Generationenkonflikts. In Facebook und auf meinVZ treffen sich 60- und 18-Jährige und plaudern über den toten Gott und die abgestorbene Welt. Ausgerechnet hier soll ein Generationenkonflikt stattfinden? Und war es nicht immer so, dass die verschiedenen Generationen verschiedene Kompetenzen hatten? Gab es wirklich Konflikte wegen der Kompetenzen – oder war etwas anderes ursächlich? Muss es nicht immer Generationenkonflikte geben? Und haben wir nicht so wenige wie noch nie? Heutzutage schämen sich die Kids, wenn Oma und Opa in Nike-Turnschuhen und mit ihrem Roller im Handgepäck zum Stones-Konzert fahren und dort statt der Feuerzeuge Handys in die Luft halten – sind das die neuen Generationenkonflikte? Im Tram sehe ich 80-Jährige mit ihrem iPod dasitzen. Sieht lustig aus, wie sich die weissen Kabel ins wirre Haar schlängeln. Vielleicht gibt es bald integrierte Hörgeräteplayer. Und wo bleibt der Generationenkonflikt?

Grundsätzlich glaube ich, dass wir in Parallelwelten leben. Vor zwei Jahren wusste niemand meiner Studierenden, was Blogs und Wikis sind. Noch heute habe ich Studierende, die noch nie von diesen Werkzeugen gehört haben. Gut, wenn sie eine Tages- oder Wochenzeitung lesen würden, wüssten sie Bescheid, denn lange schon ist das Web im Print angekommen. Leider versuchen auch immer mehr klassische Medien die Neuen Medien zu kopieren, was ein dreifacher Denkfehler ist (dazu ein anderes Mal mehr). Sie brauchen Klicks und brauchen User und werfen gute alte Traditionen über den Haufen, etwa den unterzeichneten Leserbrief (aber dazu wirklich ein anderes Mal mehr). Neulich sass ich in einer Gruppe mit zwei 17-Jährigen, einem 26-Jährigen und zwei 40-Jährigen. Die 17-Jährigen hatten noch nie etwas von David Bowie gehört (Erstaunen bei den 40-Jährigen), die 40-Jährigen noch nie etwas von Amy Winehouse (Entrüstung bei den 17-Jährigen). Keiner hatte etwas von Patty Smith gehört (Entsetzen bei mir). Auch hier gilt, dass das Lesen von Tages- und Wochenzeitungen das Entstehen von Allgemeinbildung fördern würde ... Parallelwelten also, und die Blogosphäre ist die parallelste der Parallelwelten. Auch die Blogsphäre ist ein selbstreferentielles System, und dass sich inzwischen die Massenmedien daraus bedienen, macht es nicht besser. Neulich hat mich die TAZ um meine Meinung zur Denunziation im Web 2.0 gebeten. Warum? Weil ich in meinem Blog, das kein Blog ist, laut nachgedacht hatte. Parallelwelten also. Und wo ist der Generationenkonflikt?

Kommen wir zum Kern der Ausschreibung. Da heisst es in geheimnisvoller Grammatik: "Gleichzeitig wird der Net Generation zugeschrieben, dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen." Zum kooperativen Arbeiten fallen mir zuerst wieder spickmich.de, Facebook und studiVZ bzw. meinVZ ein. Man sammelt hunderte Freunde. Die meisten kennt man nicht. Man spickt und gruschelt sich und tauscht sich in Gruppen aus. Das Web 2.0 ist der grösste Stammtisch der Welt. Als nächstes fallen mir Wikis und Wiki-Umsetzungen wie Wikipedia ein. In der Tat findet hier kooperatives Arbeiten statt. Wikipedia ist ein imponierendes Projekt und eine tiefe Fundgrube. Allerdings auch eine Fallgrube, ein Werkzeug zur Fehlinformation und Manipulation. Ich habe mich immer gefragt, wer die Studien bezahlt hat, die Wikipedia und Encyclopaedia Britannica in eine Nähe rückten. Ein Gutes hatten Wikipedia und Leo und alle die anderen Mitmachwebtöpfe, in denen die vielen Köche fleissig rühren. Sie haben bewirkt, dass die klassischen Anbieter mit ihren Angeboten ins Web umgezogen sind, etwa PONS mit seinem guten alten Wörterbuch. Dass die Unternehmen an solchen Aktionen auch pleite gehen, ist ein anderes Thema und wird – genau – ein anderes Mal behandelt. Nicht zuletzt fallen mir hunderte kollaborative Werkzeuge ein, mit denen ich in den letzten fünfzehn Jahren gearbeitet habe. Eine Lieblingsanwendung von mir ist Application Sharing. Kennen Sie jemanden aus der Net Generation, der damit arbeitet? Ich nicht. Vielleicht sind mit dem kooperativen Arbeiten Denunziationsplattformen wie rottenneighbor.com und DontDateHimGirl.com gemeint? Ascocial Software als neues Paradigma?

Was wird der Net Generation noch zugeschrieben? Dass sie offener eigene Erfahrungen kommuniziert. Das kann man allerdings ganz dick unterstreichen, mit dem schwärzesten Kajal, den man bei der Hand hat. studiVZ ist voll von Nackt- und Partybildern, die Studierenden brüsten sich damit, niemals zu lesen, permanent unter Drogen zu stehen und so weiter. Beim Telefon mit dem Handy im Zug werden Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert und nichtanwesende KollegInnen beim Namen genannt und in ihrer Ehre verletzt. Ja, so etwas wie Ehre gibt es noch, selbst in Zeiten des Web 2.0. Neulich erzählte mir ein Freund, wie er in der Strassenbahn sass und plötzlich seinen Namen hörte. Auf den Namen folgten einige Verwünschungen. Ins Handy gebrüllt von einem Kollegen. Oder hat das mobile Netz nichts mit der Net Generation zu tun?

Benutzer von Social Networks sowie Blogger und Twitterer reagieren immer wieder erstaunt und empört, wenn ein Unternehmen sie in ihren Freiheiten einschränkt. Man darf doch heutzutage über alles sprechen, alles diskutieren, warum also sollte ich nicht aus meinem Arbeitsalltag heraus bloggen? Nun, es gibt gute Gründe dafür, das nicht zu tun. Sie haben mit Vertrauen und Integrität zu tun, was nicht bedeutet, dass man nicht das System angreifen soll, dessen Teil man ist. Aber es gibt Intelligenteres, als – ebenfalls eine reale Geschichte – in seinem Blog zu verkünden, dass die neue Chefin ein ziemlich heisses Teil sei. Und das Unternehmen hat – trivial genug – ein Interesse und ein Recht, bestimmte Informationen nicht öffentlich zu machen. Und nicht alles ist Verhandlungssache.

Grundsätzlich (heute bin ich mal prinzipiell und grundsätzlich) bin ich der Meinung, dass Informatik, Wirtschaftsinformatik und IT- und Medienindustrie ein geradezu unfassbarer Coup gelungen ist. Sie haben den Unternehmen Millionen von Spielkonsolen angedreht. Die Mitarbeiter daddeln den ganzen Tag, besuchen ihr Social Network, bloggen, twittern; und aufgeschlossene Unternehmen haben das total wichtig und total gut zu finden, und es ist auch total gut, dass wir an dieser Stelle darüber gesprochen haben, bevor es zum nächsten Informationsgau kommt. Als ich mich Mitte der 90er-Jahre – rein wissenschaftlich, hehe – in Chats herumgetrieben habe, stiess ich auf tausende Sekretärinnen. Sie hatten zuerst kapiert, dass sie die Zeiten zwischen dem Feilen der Nägel und dem Kochen von Kaffee effizient ausnutzen konnten: Sie begaben sich auf die Suche nach Männern, die den Status ihres Chefs hatten, ohne Arschlöcher zu sein, und die es ihnen ermöglichen würden, zu Hause an ihrer Spielkonsole zu sitzen. Später bescherte das Moorhuhn-Spiel den Firmen Millionenverluste. Und heute das Web 2.0. Wir vernetzen uns, wir kooperieren, wir kommunizieren; aber arbeitet eigentlich noch jemand? Nicht nur, dass die Spielkonsole auf dem Schreibtisch unsere Zeit frisst – sie macht aus der schönen, breiten, dahinfliessenden Zeit eine Unmenge giftiger Tropfen. Mit der Net Generation und den Digital Natives, die mein Kollege Beat Döbeli treffend Digital Naives genannt hat, verbindet sich der Begriff des Multitasking; und wenn die neuen Bürgerinnen und Bürger etwas nicht können, ist es das.

Früher hatten Seminararbeiten allenfalls Kaffeeflecken. Ich fand das sehr sympathisch; da hatte jemand tagelang über einer Aufgabe gebrütet, bis tief in die Nacht hinein, und dabei das kostbare Nass verschüttet. Heute finden sich allenfalls Multitasking-Flecken. Ein Satz hört in der Mitte auf, weil man geskypt hat. Ein peinlicher Satz wurde versehentlich aus dem Zwischenspeicher in die Arbeit kopiert. Usw. usw.

Kommen wir zuletzt zur "extensiven" Nutzung der Technologien zur Vernetzung. Ich bin mir nicht sicher, ob die Herausgeber nicht eine "intensive" Nutzung meinen. Mir kommen Unsinnswörter wie "Konzeptionierung" in den Sinn; Steigerungen und Vermurksungen von vorhandenen Begriffen wie "Konzept" und "Konzeption". Vielleicht ist der Begriff jedoch mit Bedacht gewählt; laut Wikipedia (jaja, ich zitiere es manchmal) gilt beispielsweise: "Extensive Landnutzung nennt man eine Landnutzung mit hohem Verbrauch an Fläche, aber geringem Eingriff, intensive Landnutzung ist deren Gegenteil." Das mit dem hohen Verbrauch an Fläche trifft auf jeden Fall zu; das Web 2.0 hat sich betonartig über Wiesen und Wälder gelegt und ist einer der grössten Stromfresser auf diesem Planeten. Jedes Bloggen, jedes Twittern kostet Strom und lässt Atomkraftwerkbetreiber jubeln und feiern. Ansonsten ist es tatsächlich so, dass wir so vernetzt sind wie noch nie. Damit können die Betreiber von Social Networks, von webbasierten Diensten etc. auf Daten zugreifen, die sie allmächtig machen. Daten, die freiwillig von den Benutzern produziert und zur Verfügung gestellt werden, persönlichste Daten, geheimste Informationen, preisgegeben auf kommerziellen Plattformen, durchleuchtet von Unternehmen und Staat. Das Web 2.0 wird unfreie Gesellschaften freier machen und freie unfreier. Es steckt in ihm ein totalitäres Potenzial, das nicht zu unterschätzen ist. Die Vernetzung mag hier und dort Vorteile bringen; insgesamt ist sie ein Netz, in dem die Menschheit zappeln wird. Die Menschlichkeit mit ihr, und eigentlich ist es egal, wen man zuerst opfert auf dem Altar des grossen Bruders. Das Mitmachweb ist eine gigantische Geld- und Datenmaschine, und wer nicht mitmacht, macht sich verdächtig. Als ich festgestellt habe, dass niemand Wichtiges in XING ist, bin ich ausgetreten. Als studiVZ seine AGB geändert und den Nutzer zum Werbeträger umfunktioniert hat, habe ich eine riesige Gruppe aufgelöst. Eigentlich liebe ich das Web. Deshalb tun mir auch die jüngsten Entwicklungen so weh.

Ich merke, dass ich erst wenige Antworten gegeben und neue Fragen aufgeworfen habe. Aber zum Glück ist das hier das Web 2.0 und nicht irgendeine anständige Zeitung. Man kann mir beim Verfertigen der Gedanken zusehen, wie den Insassen von Big Brother beim K... und F... (dies ist, auch wenn es kein Blog ist, ein jugendfreies Blog, also frei von den Ausdrücken der Jugend). Ich werde weiterdenken, unter strenger Beobachtung. Noch sind sie frei, die Gedanken.

P.S.: Um auf die Fragen in der Ausschreibung kurz und bündig einzugehen: Die jüngere Generation bringt vielleicht tatsächlich neue Verhaltensweisen mit ins Unternehmen. Nur für bestimmte Unternehmen sind Web-2.0-Technologien geeignet, etwa für Facebook und studiVZ. Die Unternehmen können und sollen nicht einfach ihre Kultur ändern; natürlich muss man neue Ansätze prüfen und gegebenenfalls verfolgen. Der Net Generation fehlt vor allem Medienkompetenz. Medienkompetenz und Medienkritik sind die wesentlichen Säulen für eine zukunftsfähige, freie Gesellschaft; hoffen wir, dass Staat und Unternehmen die damit verbundenen Aufgaben finanzieren werden.