Echt deutsch, die Initiative "Deutschland sicher im Netz e.V.". Da gibt es zunächst den Vorstand des Vereins. Dieter Kempf ist der Vorstandsvorsitzende. Ein weiteres Pöstchen für ihn. Man kann ja gar nicht genug haben. Sein Stellvertreter ist Achim Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Microsoft GmbH. Das ist wenigstens ehrlich, denn hinter "Deutschland sicher im Netz e.V." steht eben dieses Unternehmen. Die Deutsche Telekom ist auch noch dabei, mit Robert Zehder. Puh, mit der Deutschen Telekom fühlt man sich eigentlich nicht so sicher im Netz. Aber egal.

Neben dem Vorstand gibt es auch einen Beirat. In diesem sitzt zum Beispiel Markus Dürig vom Bundesministerium des Innern. Stimmt ja, diesem Ministerium war die Sicherheit schon immer ein Anliegen. So oder so. Und vor allem haben es Bund und Länder jahrzehntelang versäumt, ihre Bürgerinnen und Bürger, ihre Studentinnen und Studenten, ihre Schülerinnen und Schüler medienkompetent zu machen. Da muss man 5 vor 12 schon dabei sein. Sonst bleibt auf dem Schlachtfeld des Pausenhofs bald niemand mehr übrig. Die lieben Kleinen beschimpfen sich nämlich im Web und schlagen sich dann am nächsten Morgen im Freien die Fresse ein. Früher sind sie erst zur Mittagszeit aufeinander losgegangen. Dank der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien geht es nun schneller.

Im Beirat sind noch viele andere wichtige Menschen. Denn je wichtiger die Menschen, desto wichtiger die Initiative. Die Inhalte sind nicht so wichtig. Das Motto ist wichtig. "Deutschland sicher im Netz". Wer sonst. Sogar die Europäische Kommission ist mit dabei. Das ist wiederum ziemlich wichtig, denn vielleicht wird die Initiative ja einmal europäisch. Vielleicht ist sie es ja schon. "Europa sicher im Netz." Und niemand weiss es. Eine Geschäftsstelle gibt es auch noch. Und eine Satzung. Und überhaupt.

Die Initiative richtet sich u.a. an Kinder und Jugendliche. In der Schweiz hat sich Microsoft mit security4kids Zutritt zu den Schulen verschafft. Mit freundlicher Unterstützung des Staates. In Europa sollte das auch gelingen. Wer mit 10 Jahren etwas von Microsoft lernt, wird mit 18 Jahren etwas von Microsoft kaufen. Spätestens. Wahrscheinlich schon mit 12, wenn es Mama und Papa erlauben. Es ist nicht schlimm, Produkte für Kinder zu entwickeln und an Kinder zu verkaufen. Aber schlimm ist es, Kinder an Produkte zu gewöhnen. Damit sie als Jugendliche oder Erwachsene diese für notwendig halten. Und noch schlimmer ist es, wenn das Unternehmen mit seinen Produkten in die Schulen eindringt. Genau das macht Microsoft. In der Schweiz übrigens besonders agressiv. Mit Web-based Trainings, von denen aus direkt auf die Website von Microsoft verlinkt wird. Für Deutschlands Kinder gibt es das Kinderschutz-Programm. Für Deutschlands Kinder und Jugendliche den Medienkoffer "für Grund- und weiterführende Schulen" (Zitat von der Website). "Das Unterrichtspaket wurde ... von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), dem Deutschen Kinderhilfswerk (DKHW) und Microsoft Deutschland entwickelt ..." Das muss man sich mal vorstellen. Ein Koffer für Deutschlands Schülerinnen und Schüler von einem weltweit agierenden Konzern. Ein Kinderhilfswerk, das sich wie ein Gehilfe eines Rattenfängers aufführt. Und Diensteanbieter, die ausser Kontrolle geraten sind. Und niemand macht was dagegen. Alle finden es toll, dass endlich etwas geschieht. Und morgen stellt McDonald's das Pausenbrot. Und Vattenfall erklärt den Kids, wie der Strom entsteht.

Bei den "Internauten", die auf einer separaten Website klugscheissen dürfen, erfährt man übrigens, dass Premium-SMS "teure SMS" sind. Es wird überhaupt nicht differenziert. Warum sollte ein Buch, das per Premium-SMS-Dienst 3 Euro kostet, teuer sein? Für die "Internauten" steht fest: Handys sind "kleine Taschengeldmonster". Oft stimmt das (wenn man die merkwürdige Metapher versteht und erträgt). Aber eben nicht immer. Und das Handy ist der Kleincomputer, den die Kids jeden Tag mit sich herumtragen. Himmel, lasst uns doch etwas daraus machen! Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz gibt es viele Schulen, die das Handy im Unterricht verboten haben. Sie hören nur die lauten Klingeltöne und sehen die unanständigen Videos. Sie haben leider keine Ahnung. Sie wissen nicht, dass hundertausende Schülerinnen und Schüler mit dem Handy lernen und lesen. Apropos Schule. Das Schlimme ist eben, dass Microsoft die Kinder dort heimsucht, wo sie nicht flüchten und nicht wegschauen können. Im Unterricht. Wir haben Schulpflicht. Den geschickt deponierten Koffern von Microsoft kann niemand entkommen.