Der grösste Feind der Literatur ist der Literaturbetrieb. Mit seinen grossen Verlagen, grossen Buchhandlungen und scheinbar grossen Literaturkritikern. Er ist die Höllenmaschine, die die Welt mit Büchern bombardiert und diese zugleich vernichtet. Der Literaturbetrieb ist Drucker und Schredder zugleich. Und oft schreddert er, was er gar nicht gedruckt hat. Ich bin kein verschwiegener, beleidigter Schriftsteller. Die Medien haben viel über meine Bücher berichtet. Zumindest über die Bücher, die sich dem Literaturbetrieb entzogen haben. Ich schreibe nämlich nicht nur Bücher, die in gedruckter Form erscheinen, sondern auch Texte fürs Handy. Ganz nebenbei habe ich einiges über den Literaturbetrieb gelernt.

Die grossen Verlage wollen keine Bücher machen, sondern Geld. Manuskripte, die nach dem ersten Augenschein nicht zu diesem Ziel beitragen, werden mit einem Standardschreiben beantwortet. Oft gibt es nicht einmal den Augenschein, wodurch sich die Verlage kommerzielle Erfolge entgehen lassen. Das macht nichts, wenn die Masse stimmt. Masse macht Kasse. Zu den grossen Verlagen kommt man auf anderen Wegen. Man beschäftigt Literaturagenten, gegen die sich nichts einwenden liesse, wenn es auch anders ginge, oder man hat Beziehungen. Oder ist bereits gut im Geschäft, zum Beispiel als Komiker oder als Moderatorin. Die grossen Verlage decken die Medien mit Rezensionsexemplaren ein. Oder mit anderen Geschenken. Manche Journalisten, manche Literaturkritiker werden gekauft. Darüber hinaus engagieren sich die grossen Verlage bei Radio- und Fernsehsendungen. Sie zahlen einen Betrag und bestimmen, welche Bücher erwähnt oder besprochen werden. Es geht um die grossen Sender und um die kleinen. Kleinvieh macht auch Mist. Manchmal sogar ganz besonders grossen.

Die grossen Buchhandlungen wollen nicht möglichst gute, sondern möglichst viele Bücher verkaufen. Denn sie wissen, nicht Klasse macht Kasse, sondern Masse. Sie bauen ihre Verkaufsflächen um und locken am Eingang mit Esoterik und Ramsch. Wenn man sich hineinwagt, ragen links und rechts Stapel mit dicken, bunten Büchern in den Himmel. Titel schreien einen regelrecht an, Cover ziehen sich für einen aus. Von Verkäufern wird man in Ruhe gelassen. Es gibt kaum noch Leute vom Fach. Man könnte anstelle der Bücher genausogut Lebensmittel verkaufen. Der Text auf den Packungen liest sich ähnlich. Wenn Autoren die Buchhandlungen anschreiben und sie bitten, ihr Buch ins Sortiment aufzunehmen, etwa weil man in der gleichen Stadt tätig oder weil das Buch lesenswert ist, erhalten sie keine Antwort. Oder eine bürokratische, mit dem Tenor, man werde das Anliegen prüfen. Die grossen Buchhandlungen engagieren sich wie die grossen Verlage bei Radio- und Fernsehsendungen. Manchmal kommt man sich dabei ins Gehege, manchmal zieht man am gleichen Strang. Denn die grossen Verlage und die grossen Buchhandlungen sind natürlich voneinander abhängig. Und wo sie es nicht sind, können sie es werden.

Die scheinbar grossen Literaturkritiker besprechen Bücher, die sie geschenkt bekommen haben. Deshalb beziehen sich die meisten Rezensionen auf die Produktionen grosser Verlage. Man kann nur einen Bruchteil der auf den Markt gelangenden Bücher lesen. Nur einen Teil dieser Masse. Das ist nicht schlimm, das ist menschlich. Aber schlimm ist es, wenn man von den besten Büchern der Woche, des Monats oder des Jahres spricht. Das ist totaler Blödsinn, denn die Literaturkritiker haben nur diese Bücher der Bestenliste gelesen. Und ein paar mehr, die sie aus bestimmten Gründen zerreissen. Weil ihnen der Autor nicht passt. Wegen seines Geschlechts, seines Lebenswandels, seiner Weltanschauung. Die zum Beispiel zu einer Altherrenphantasie führen. Umgekehrt kann es passieren, dass ihnen ein Autor oder eine Autorin ganz besonders gefällt. Wenn sie jung ist und bestimmte Wörter in den Mund nimmt, ist das kein Nachteil. Sondern authentisch. Literaturkritiker wissen leider nicht mehr genau, was Literatur ist. Literatur muss nicht authentisch sein. Sie soll imaginieren und fiktionalisieren. Sie soll ihre Grösse aus der Sprache schöpfen, nicht aus dem Leben. Aus der Lust des Lebens, dem Schrecken, der Gewalt. Nicht aus dem Leben selbst. Aber wenn man eine junge Autorin bejubeln kann, zur Not auch einen blutjungen Autor, vergisst man das schnell. Schliesslich geht es dann um mehr als Literatur.

Der Literaturbetrieb vernichtet ständig Literatur, die es verdienen würde, beachtet, besprochen, gelesen, geliebt zu werden. Niemand wagt es, dieses selbstreferentielle System anzugreifen. Ausser wenn das System einen selbst angegriffen und hinausgeworfen hat. Das passiert selbst scheinbar grossen und damit unentbehrlichen Literaturkritikern. Dann wettern sie gegen das System. Aber das System ist alt, und es geht um Geld und Macht. Und um Sicht- und Hörbarkeit. Wer nicht sicht- und hörbar ist, kann wettern, solange er will. Man könnte der Meinung sein, dass sich neben dem alten System inzwischen viele andere, neue Systeme etabliert haben. Die Leserinnen und Leser des World Wide Web rezensieren selbst. Das Problem ist, dass sie es selten gut tun. Ihnen fehlen die Hintergründe und die Worte. Ein weiteres Problem ist, dass auch diese Systeme manipuliert werden. Die grossen und die kleinen Verlage und Buchhandlungen lassen Rezensionen auf den Plattformen der Online-Buchhändler und Literaturbegeisterten verfassen. Und wer weiss, vielleicht schreibt auch der eine oder andere grosse Literaturkritiker im Web. Getarnt als normaler Leser. Und nur scheinbar klein. Auf jeden Fall schreibt man für sich selbst. Wenn der eine Literaturkritiker einen Autor entdeckt hat, zieht der andere nach. Auf diese Weise entsteht eine fast hunderprozentige Abdeckung des Voraussehbaren. Selbst wenn ein Buch des Verlags versehentlich liegengeblieben ist; wenn der Kollege darüber berichtet, schlägt man es schnell auf und generiert eine Meinung. Die richtet sich wiederum nach dem Autor. Oder dem Verlag. Oder dem Thema. Oder nach dem anderen Literaturkritiker, dem man widersprechen will. Der Literaturbetrieb vernichtet Literatur. Und er verhindert die Entwicklung der Literatur, zögert sie zumindest hinaus, sorgt dafür, dass Autoren nicht während ihres Lebens zu Ruhm und Ehre kommen. Das war schon immer so, und sicherlich gehört es zum Literaturbetrieb, konservativ zu sein. Man will ja sein System erhalten. Und doch, vielleicht ist es so schlimm wie noch nie. Vielleicht ist die Höllenmaschine perfekt geworden. Weil sie so riesig ist, weil sie unter ihren Büchern die Bücher der anderen begräbt. Die geborenen und die ungeborenen. Weil sich ihr niemand entziehen kann. Weil man es nicht mehr anders kennt.

Man könnte etwas tun. Einen Kodex erstellen und lesen oder gleich unterschreiben lassen, Statistiken veröffentlichen, die schwarz auf weiss aufzeigen, welche Bücher die Literaturkritiker in den letzten Jahren rezensiert haben. Man könnte die Verlage und Buchhandlungen zwingen, ihr Mäzenentum offenzulegen, ihre Verbindungen und Bedingungen. Oder das, was bereits offengelegt ist, mit fleissigen Händen oder mit Hilfe von Software aggregieren. Man könnte auch einfach abwarten. Denn es gibt Anzeichen dafür, dass die Höllenmaschine des Literaturbetriebs heiss gelaufen ist. Dass die Leser nicht nur ihre eigenen Rezensionen schreiben, sondern wütend sind auf das, was man ihnen in den Zeitschriften und Zeitungen und in Radio- und Fernsehsendern vorsetzt. Dass die Autoren wütend sind und sich zusammenschliessen und sich neue Kanäle überlegen. Die gibt es, und es gibt sie immer mehr. Es sind nicht mehr nur die selbstgebastelten Websites, über die man sich vor ein Publikum wagt. Sondern eben auch mobile Dienste, über die man die Leser innerhalb von Sekunden mit professionell gemachten Büchern versorgt. Die Leser suchen einen mobilen Laden auf und stöbern im Angebot. Oder sie schicken einen Code an eine Nummer und erhalten eine Java-Anwendung. Die neuen Kanäle gehen an den grossen Verlagen und grossen Buchhandlungen vorbei. Und an den grossen Literaturkritikern, die mit einem Handy nicht zurecht kommen und solche Geräte ausserdem unheimlich finden. Weil sie sich nichts anderes vorstellen können als gedruckte Bücher, obwohl es vor diesen handgeschriebene gab, und davor Pergamentrollen und Steinplatten. Neben den wütenden Autoren gibt es welche, die Spass haben wollen. Die sich auf das Experiment besinnen, den Motor der modernen Kunst. Zu denen ich mich zähle. Vielleicht sind diese Autoren besonders gefährlich für den Literaturbetrieb. Nicht, weil sie gefährlich sein, sondern weil sie Literatur machen wollen. Alle Arten von Literatur, bis über die Grenzen hinaus, die in den letzten Jahren verschwommen waren. Und die vielleicht auch die Grenzen des Literaturbetriebs sind.