Harald Naegeli ist einer der wichtigsten Schweizer Künstler. Ab 1977 sprühte er hunderte Strichfiguren an die Fassaden und Mauern von Zürich. Dann flüchtete er, von den Behörden verfolgt, nach Deutschland. Die letzte grosse Sammlung kann man in der Tiefgarage der ETH Zürich bestaunen. Laut Arte "gilt Harald Nägeli als Begründer der westeuropäischen Graffitiszene, so etwas wie der Vater der Sprayer-Bewegung" (arte.tv, 4. Dezember 2009).

Wie der Tages-Anzeiger heute meldet, wurde nun ein Werk des Künstlers in Zürich vernichtet. "Im Treppenaufgang vom Limmatquai zum Grossmünster befand sich bis vor ein paar Tagen noch eine gesprayte Strichfigur, die dem 'Sprayer von Zürich' Harald Naegeli zugeschrieben wird." (Tages-Anzeiger, 22. Januar 2011) Verantwortlich sind nicht etwa Vandalen, sondern die Zuständigen der Stadt Zürich. Die sogenannte Graffitiordnung, der Reinigungstrupp für Graffitis, sei losgeschickt worden. Die "Graffiti-Beauftragte" Priska Rast meinte lapidar: "Die Stadt hat bei Graffiti keine Haltung dazu, ob es sich um Kunst handelt oder nicht. Sprayereien im öffentlichen Raum gelten grundsätzlich als Vandalismus." (Tages-Anzeiger, 22. Januar 2011)

In einem meiner Romane wird Naegeli ein Denkmal gesetzt. Die junge Heldin erwacht in einer Tiefgarage aus ihrer Bewusstlosigkeit. Genau, in der Tiefgarage der ETHZ. Während sie sich langsam nach draussen bewegt, nimmt sie die Strichmännchen an den Wänden wahr. "Sie sehen ein bisschen aus wie das Strichmädchen von Kirchner, nur noch einfacher, schneller, genauer, durchsichtiger, mit Linien, die davonrennen und sich selbst zu Kreisen treffen, mit ausbrechenden und eingefangenen Augen, Brüsten und Händen ..."

Bevor weitere Vandalen unterwegs sind, sollte die Stadt Zürich die verbliebenen Werke von Naegeli retten. Die Strichfiguren sollten ins Kunsthaus umziehen. Oder zumindest bewacht werden. Wir brauchen in Zürich dringend eine Haltung zur Kunst - sonst wird diese nicht einmal mehr in Tiefgaragen zu sehen sein.