Wenn ein Unglück passiert, sind Religiöse schnell zur Stelle. Als die Love Parade zur Katastrophe wurde, beleidigte Eva Herman die Opfer und ihre Angehörigen mit ihren debilen Sprüchen. Und sogenannte Seelsorger kümmerten sich um die Opfer und Hinterbliebenen. Sanitäter und Psychologen bräuchte man; und doch blickt man selbst als Atheist beim Erwachen in das Gesicht eines Menschen, der einem die "Seele" rauben will.

#prayforjapan ist derzeit der Toptrend auf Twitter. Millionen verwenden den Hashtag und ermuntern sich gegenseitig dazu, für das Land zu beten. Dass sie damit die Experten genauso verhöhnen wie die Opfer, kümmert sie nicht. Hauptsache, es geht ihnen, den Betenden, besser. Und Hauptsache, sie können sich über diejenigen lustig machen, die keine Religion oder eine andere Religion als sie haben.

Auf der schon vor einigen Jahren entstandenen Website "Pray for Japan" gibt es "Earthquake Updates" - und es ist von "Prayer Focal Points" die Rede. Für Montag wird gefordert: "Pray for the 1,700 towns & villages without a single Christian church." Für Dienstag lautet der Aufruf: "Pray for Japanese Christians who represent only 1/3 of one percent of the population."

Ein "Japan Prayer Network" hat den Beitrag "Prayer & Aid for Earthquake Victims" veröffentlicht. "Here is a link to several organizations that are providing various types of relief and aid to the earthquake and tsunami victims in northeastern Japan. Network for Good. In addition to material needs, Japan stands in need to prayer for spiritual and emotional healing as well. Here is another link to an excellent online map of Japan. You can easily find Sendai City and Fukushima Prefecture on the upper right side of the map. Thanks for praying. God bless you richly!"

Man findet noch weitere Organisationen und Personen, die ihre religiösen Interessen mit den jüngsten Entwicklungen in Japan verknüpfen. Weitere Geier, die vom Himmel heruntergekommen sind. Dass Lady Gaga ein "'We Pray For Japan' Prayer Bracelet" designt hat, fällt da kaum noch ins Gewicht.

Aber zurück zu den Twitterern und Bloggern. Was treibt sie, was geht in ihnen vor? Glauben sie, sie würden durch ihre mediale Präsenz die Katastrophe bekämpfen können? Glauben sie, ihr Gott würde einem einzigen Menschen helfen - nachdem er, wie sie ebenfalls glauben müssen, zehntausende verletzt und getötet hat? Der Gott der Christen, Juden und Moslems ist offenbar ein dummer und blutrünstiger Gott und hat diejenigen, die an ihn glauben, nach seinem Bild erschaffen.

Wir brauchen keine Gläubigen und Betenden. Wir brauchen keine pseudoengagierten Twitterer. Wir brauchen Experten und Wissenschaftler, die die atomare Katastrophe verhindern. Wir brauchen Ärzte und Psychologen, die den betroffenen Menschen helfen. Wir brauchen Leute, die Japanerinnen und Japaner einladen, ihre Gäste zu sein. Und wir brauchen mündige Wählerinnen und Wähler, die diejenigen abwählen, die Atomkraftwerke in ihren Ländern bauen und betreiben lassen.