Ich bin gegen Schuluniformen. Uniformen erleichtern das Erkennen. Ich finde es gut, dass Polizistinnen und Polizisten Uniformen tragen und sich ausweisen können. Namensschilder brauchen sie nicht zu tragen. Nummern wären sinnvoll, aber Namen sind es nicht. Schuluniformen erleichtern das Erkennen nicht. An einer Schule ist klar, wer Schülerin und Schüler ist und wer Lehrerin und Lehrer. Schuluniformen dienen anderen Zwecken als der Erkennbarkeit. Sie dienen der Gleichschaltung. Und, damit zusammenhängend, der Demütigung. Die Gleichschaltung hat damit zu tun, dass man Subjekte in Objekte verwandelt. Für manche sind Träger und vor allem Trägerinnen auch Objekte der Begierde. Die Demütigung folgt auf dem Fuss.

Ich finde die Gleichschaltung von Kindern und Jugendlichen besonders fragwürdig. Sie sind erst dabei, ihre Persönlichkeit, ihren Stil zu finden. Die Schuluniformen erschweren ihnen das. Natürlich auch die Bekleidungskonzerne, die Gruppenzwänge und so weiter und so fort. Aber ihnen kann man etwas entgegensetzen; der Pflicht zur Uniform dagegen nicht. Die Uniform entreisst die Kinder und Jugendlichen auch der Zivilgesellschaft. In der Schule und ausserhalb der Schule, etwa auf dem Nachhauseweg. Man behandelt sie wie Soldatinnen und Soldaten, die sich in einer Ausnahmesituation befinden. Oder wie Polizistinnen und Polizisten, die im Einsatz sind. Kinder und Jugendliche sollten aber lernen, wie man sich als Zivilperson verhält. In der Gleichschaltung vermögen sich Zivilbürgerinnen und -bürger nur schwer zu entwickeln.

Ich bin gegen Ganztagsschule. Ich begrüsse es, wenn beide Partner gegen Bezahlung arbeiten. Oder wenn es Partnerschaften von drei, vier Personen gibt, in denen sich die Partner die Aufgaben teilen. Ich verstehe auch, dass Kinder eine Betreuung brauchen. Aber sie brauchen genauso eine Möglichkeit, sich als Zivilperson zu betätigen. In der Schule ist es nämlich nicht nur die Uniform, die das zivile Leben erschwert. Sondern es ist die Schule selbst. Die Schule ist, wie das Arbeitsleben, eine besondere Situation, die zwar zur Zivilgesellschaft gehört, ein Engagement für sie aber in der Regel verunmöglicht. Man kann an dieser Stelle auch mit den Begriffen des Privaten und des Bürgerlichen operieren. Und mit den Begriffen der Freiheit und des Freiraums. Kindheit braucht Freiheit und Freiraum; diese sind nur vorhanden, wenn es keine totale Überwachung, keine ständige Kontrolle gibt. Man geht zum Spielen auf die Strasse, man treibt sich stundenlang in der Stadt herum, man begibt sich in Gefahr. Man lernt die Gesellschaft in all ihren Facetten kennen. Kinder müssen Privatpersonen sein können. Sie haben ein Recht auf Privatsphäre, übrigens auch nach der UN-Kinderrechtskonvention. Kindheit als Privatleben. Jugend als Privatvergnügen. Man muss sich zu Bürgerinnen und Bürgern entwickeln können. Man muss lernen, Teil der Bürgergesellschaft zu sein.

Schule ist immer auch Gleichschaltung. Und Gleichförmigkeit. Kein Mensch braucht 12 oder 13 Jahre Schule. Damit will ich mich nicht gegen die höhere Bildung aussprechen, ganz im Gegenteil. Schule ist manchmal ein Ort der Bildung und meist ein Ort der Formung. Und des Wegsperrens. Die Schüler müssen Befehlen gehorchen, sie müssen sich nach Normen verhalten, sie müssen im Raum bleiben. 12, 13 Jahre lang. Sie müssen sich in tausende Details vertiefen. Sie haben, wenn sie Pech haben, Religionsunterricht; sie müssen stricken und kochen lernen; sie müssen sich, obwohl sie völlig unterschiedliche körperliche Voraussetzungen haben, mit anderen Kindern beim Weitspringen und 100-Meter-Lauf messen. Man muss die Lehrpläne ausmisten und auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen. Man muss Ethik, Recht und Wirtschaft als Fächer einführen, die die Schülerinnen und Schüler mit der Zivilgesellschaft verbinden. Man muss die Schule später am Tag beginnen und früher aufhören lassen. Und ein Jahr lang sollten die Jugendlichen im Ausland sein. Mit 17 sollte man fertig mit der höheren Schule sein und dann, bei entsprechender Eignung, auf die Hochschule wechseln.

Chinesen haben den Europäern vorgeworfen, zu träge, zu faul zu sein. Genau das ist unsere grosse Stärke. Aus der Langeweile, aus dem Herumtreiben, aus dem Herumspinnen, aus dem Herumprobieren heraus entstehen die grossen Ideen und Dinge. Die Nobelpreisträger, das sind wir! Unsere Antwort muss die Stärkung der Zivilgesellschaft sein. Das Ausweiten des Privaten ins Öffentliche hinein. Das Vergrössern des Öffentlichen gegenüber dem Staatlichen. Das Zurückweichen des Staatlichen gegenüber dem Privaten. Aber auch das Durchsetzen des Staatlichen gegenüber dem Willkürlichen. Kein Frühenglisch. Kein Frühchinesisch. Kein pädagogisches Spielzeug. Keine permanente Förderung. Kein ständiger Druck. Keine ewige Bevormundung. Keine übermässige Anpassung. Keine ganztägige Betreuung. Keine Uniformen. Freiheit, Freiheit! Freiheit muss unsere Antwort sein!