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Archiv der Einträge: Februar, 2012
  • Informationsethik im Unternehmen

    Die Informationsethik hat die Moral (in) der Informationsgesellschaft zum Gegenstand. Sie untersucht, wie wir uns, Informations- und Kommunikationstechnologien und digitale Medien anbietend und nutzend, in moralischer Hinsicht verhalten und verhalten sollen. Von Belang ist damit auch unser Denken, das dem Verhalten vorausgeht und von diesem beeinflusst wird. Wie die Tierethik, die Medizinethik, die Wirtschaftsethik oder die Wissenschaftsethik ist die Informationsethik eine sogenannte Bereichsethik. Der Artikel "Informationsethik im Unternehmen" erklärt, was Informationsethik im deskriptiven bzw. empirischen und im normativen Sinne ist und wie Unternehmen die Inhalte und Methoden gebrauchen, aber auch missbrauchen können. Er ist in der Netzwoche erschienen und steht online zur Verfügung.

  • Manipulationen bei Online-Zeitungen

    In Online-Zeitungen werden Artikel immer wieder live geschrieben, vor den Augen des Lesers. Es fängt mit einer Eilmeldung an, oder mit zwei, drei andeutenden Sätzen; schliesslich will man der erste sein. Dann, nach fünf Minuten, sieben, acht Sätze, später fünfzehn, dann fünfzig. Nicht immer weiss man, wann und ob der Artikel fertig ist. Er ist deshalb auf weiteres kaum zitierbar; man könnte allenfalls wie bei anderen Internetquellen verfahren; nur müsste man nicht den Tag, sondern die Uhrzeit angeben (die man dann auch mit der beim Artikel angegebenen Uhrzeit vergleichen könnte).

    Nun sollte man annehmen, dass ein Artikel doch irgendwann seinen Endstand erreicht hätte. Leider ist auch das nicht unbedingt der Fall. In der letzten Zeit sind mir einige Fälle untergekommen, wo nachträglich redigiert, korrigiert, manipuliert wurde. Besonders problematisch ist das, wenn bereits kommentiert wurde. Der Leser hat sich den Artikel zu Gemüte geführt, ist zu einem Urteil gekommen, hat sich online oder offline (über den guten, alten Leserbrief) geäussert. Der Kommentar wird freigeschaltet, oder er wird zurückgehalten, der Leserbrief wird veröffentlicht, oder er wird es nicht. Und nun verändert sich das Objekt der Betrachtung.

    Unlängst habe ich einen besonders stossenden Fall bei der NZZ beschrieben:

    Am 16. Dezember 2011 erschien unter dem Titel "US-Autor Christopher Hitchens gestorben" ein kleiner Artikel auf NZZ Online mit haarsträubenden Äusserungen zum Tode von Christopher Hitchens. Unter anderem unterstellte man ihm "militanten Humanismus": "Hitchens, der mit militantem Humanismus und provozierendem Atheismus bekannt wurde, hatte seine Erkrankung vor fast eineinhalb Jahren öffentlich gemacht." Nun ist der Begriff des Militanten mit mehreren Bedeutungen belegt; schon deshalb sollte man vorsichtig mit ihm umgehen. Man kann das Gewalttätige und -bereite damit meinen, aber auch das Aggressive. Humanisten und Atheisten werden selten wegen ihrer Weltanschauung im ersteren Sinne militant; sie ist im Allgemeinen nichts, für das man gewaltsam eintreten würde.

    In einem Kommentar auf NZZ Online stellte ich am selben Tag den Begriff des militanten Humanismus in Frage. Der Kommentar wurde nicht veröffentlicht; zugleich wurde über das Wochenende der Artikel umgeschrieben. Die neue Formulierung lautet: "Hitchens, der auch durch provozierenden Atheismus bekannt wurde, hatte seine Erkrankung vor fast eineinhalb Jahren öffentlich gemacht." Offensichtlich hat die NZZ den Sinn und Zweck von Leserbriefen nicht verstanden; sie dienen u.a. als Korrektiv - und nicht als Grundlage für eine Korrektur. Wenn mein Kommentar nun doch noch veröffentlicht würde, handelte es sich um eine doppelte Verfälschung. Die Zeitung von Markus Spillmann habe ich am 19. Dezember um eine Stellungnahme gebeten.

    Eine Stellungnahme ist nicht erfolgt, weder per Brief noch per E-Mail. Doch als ich zum Thema twitterte, heftete sich der Redaktionsleiter von NZZ Online an meine Fersen. Er tauchte in meiner Follower-Liste auf. Er las, so darf man annehmen, meine Tweets. Nach einiger Zeit entschuldigte er sich für das Geschehene. Ich war erfreut und schrieb ihm über Twitter zurück, dass ich das akzeptieren würde. Wieder verstrich einige Zeit. Ich twitterte, auch über einen weiteren Artikel in der NZZ. Der Redaktionsleiter beschwerte sich alsbald, er habe innerhalb kurzer Zeit drei "Tweeds" [!] zum Thema erhalten, ob ich etwa – wie die von mir kritisierten Kreationisten – missionarisch unterwegs sei. Nun, wenn man mir folgt, muss man freilich mit meinen Tweets rechnen. Und wenn ein Thema besonders interessant ist, weise ich ausnahmsweise auch mehrmals darauf hin. Dass die Zeitungen ihren Abonnenten und Kommentatoren über soziale Medien ans Bein pinkeln, ist eine interessante Marketingstrategie. Jedenfalls zeigte der Vorgang, dass man es mit der Entschuldigung doch nicht so ernst gemeint hatte. Man nimmt sich das Recht heraus, die Kommentare von Lesern zu unterdrücken, ihre Inhalte aber zu nutzen.

    Ich hätte das Ganze vergessen, wenn nicht kurze Zeit später der Tages-Anzeiger – der übrigens bis heute die unsinnige Rede vom "militanten Humanismus" beibehält – etwas Ähnliches gemacht hätte. Im Rahmen einer Artikelserie über den Atheismus – der Tages-Anzeiger gefällt sich ja in einem Kampagnenjournalismus, der möglichst viele Leute erregen und zu möglichst vielen Kommentaren und Klicks anregen soll – wurde ein "Psychiater" interviewt. Dieser erging sich in so bizarren Aussagen über den Humanismus und den Atheismus, dass man sich verwundert die Augen rieb und glauben konnte, da sei jemand einer derjenigen Anstalten entsprungen, in die einen Psychiater üblicherweise einweisen. So ähnlich war es auch, denn wie ein Leser in einem Kommentar feststellte, ist Raphael M. Bonelli Mitglied bei Opus Dei. Davon war in dem Artikel "'Antireligiöse sind neidisch'" aber nichts zu lesen gewesen – und die Journalistin war auch im Interview mit keinem Wort darauf eingegangen. Natürlich eine hochnotpeinliche Sache, ein journalistischer GAU; aber wozu hat man eine Online-Zeitung! Man schrieb einfach im Nachhinein unter das Bild den folgenden Satz: „Hinweis: Bonelli ist Mitglied bei Opus Dei.“ Diese Transparenz musste sich offensichtlich die Leserschaft erstreiten, und das Interview rettete sie auch nicht.

    Auch das hätte ich vielleicht vergessen. Aber gestern bekam ich über Twitter mit, dass ein anderer Mitarbeiter der NZZ, der ebenfalls in hoher Position in die Online-Aktivitäten involviert ist, eine Formulierung in 20 Minuten beanstandete. Er frage sich, ob der Zeitung klar sei, was der Begriff "Kronzeuge" bedeute. In der Tat hatte sich 20 Minuten vertan; aber wozu hat man eine Online-Zeitung! Der Begriff wurde einfach ausgetauscht. Der Kommentar des Twitterers lief nun ins Leere, eine Beanstandung ohne Gegenstand. Die Zeitung kann sich rehabilitieren; es wird kein Hahn danach krähen. Als Kommentator steht man dumm da (der NZZ-Mitarbeiter hatte nicht die 20-Minuten-Plattform genutzt, die Gratiszeitung aber per Twitter einbezogen). Und als Leser wird man für dumm verkauft.

    Nun fragt man sich, wie man Manipulationen dieser Art vermeiden kann. Die Regeln dafür sind eigentlich klar. Das Web ist 20 Jahre alt, und im Kontext von Online-Zeitungen und von Weblogs wurden Standards definiert. Natürlich darf man Tippfehler korrigieren (beim Tages-Anzeiger darf der Leser diese über eine spezielle Funktion melden; so erspart man sich, Kompetenz vorausgesetzt, ein Korrektorat). Man darf sogar inhaltliche Fehler korrigieren – wenn man es kenntlich macht. Dies kann man entweder im Text tun – oder bei den Kommentaren. Ich halte es etwa für legitim, wenn ein Blogger sich per Kommentar für einen Hinweis in einem Kommentar bedankt und darauf hinweist, dass er nun den Post angepasst hat. Für eine Zeitung gestaltet sich die Sache freilich schwieriger. Dass man klammheimlich Kommentare umsetzt, geht auf keinen Fall. Man muss es unbedingt vermeiden, dass Kommentare ins Leere laufen oder der Kommentator sogar vorgeführt wird. Dass man Kommentare erst gar nicht veröffentlicht, sie aber inhaltlich fürs Redaktionelle ausschlachtet, ist der wohl haarsträubendste Auswuchs eines falsch verstandenen Online-Journalismus. Tages-Anzeiger und NZZ müssen dringend über die Bücher, die einschlägigen, übrigens auch was die Kommentarfunktion an sich anbetrifft. Aber dazu habe ich bereits das eine oder andere geschrieben. Und ich greife das Thema in epischer Breite in einem neuen Fachbuch auf, das im Sommer dieses Jahres erscheinen wird.

  • Erzählen in der modernen Prosa

    Der letzte FORMI-Kurs war der Avantgarde-Literatur gewidmet und trug den Titel "Am Rande des bürgerlichen Literaturbetriebs". Verantwortlich war Mario Andreotti; zusammen mit Florian Vetsch und mir hat er den Kurs gestaltet. Eingeladen waren als wissenschaftlich und künstlerisch Vortragende Axel Monte und Christian Uetz.

    Der neue FORMI-Kurs heisst "Erzählen in der modernen Prosa". Verantwortlich zeichnen Pascal Frey und Mario Andreotti. Die beiden muss man im literaturwissenschaftlichen Kontext kaum noch vorstellen. Andreotti hat eines der Standardwerke zur modernen Literatur verfasst. Der Kursinhalt laut Broschüre:

    Neben der Gestaltung der Figuren entscheidet vor allem jene des Erzählers über die Wirkung eines literarischen Werks. Im Literaturunterricht kommen die erzählerischen Gestaltungsmittel oft wenig oder gar nicht zur Sprache. Das hat seine Gründe, wird aber dem literarischen Charakter des Werks nicht gerecht. Gerade die moderne Erzählprosa verfügt über eine Reihe von Erzähltechniken, ohne deren Kenntnis sich die Werke kaum adäquat verstehen lassen. Wir wollen diese Erzähltechniken an verschiedensten Textbeispielen aus der deutschen Literatur von den Anfängen nach 1900 bis hin zu den Werken der jüngsten Gegenwart besprechen. Neben der Einsicht in die Strategien der modernen Erzähltechniken geht es uns dabei ganz wesentlich auch um die Frage der didaktischen Umsetzung im Unterricht.

    Die Anmeldung erfolgt über www.webpalette.ch > Sekundarstufe II > FORMI > Deutsch. Die maximale Teilnehmerzahl liegt bei 30. Angesprochen sind Lehrkräfte des Fachs Deutsch und weitere Interessierte. Kursort ist dieses Mal nicht die charmant-verwinkelte Marienburg, sondern das aussichtsreich gelegene Hotel Wolfensberg in Degersheim.

  • Überlastete Züge, verstopfte Autobahnen, Wohnungsknappheit

    NZZ und NZZ am Sonntag machen sich mehr und mehr die "Argumente" der SVP zu eigen. Sie schreiben nicht ganz so hetzerisch wie die Medienverantwortlichen der rechten Partei, aber manche ihrer Redakteure sind in der gleichen geistig armen Welt zu Hause. In dem Kommentar "Und wieder heissen wir eine neue Stadt willkommen" in der NZZ am Sonntag vom 12. Februar 2012 schreibt pho.: "Überlastete Züge, verstopfte Autobahnen, Wohnungsknappheit – das sind nicht nur, aber eben auch Folgen des Zuzugs."

    Die NZZ am Sonntag verfügt über Meinungsseiten, obwohl in den Artikeln der grossen Schweizer Zeitungen Information und Meinung ständig durcheinandergeworfen werden (wobei die NZZ ganz explizit eine Meinungszeitung ist). Ein gutes Anschauungsobjekt ist der Fluglärmstreit mit Deutschland. In den Artikeln wird über das Ruhebedürfnis der Nachbarn gespottet und allen Ernstes die Existenz von Fluglärm in der Grenzregion in Frage gestellt.

    Damit ich mich nicht wiederholen muss, zitiere ich einfach aus meinem Post "Die Falschbehauptungen der SVP"; die beiden zitierten Sätze stammen von der selbsternannten Volkspartei und ähneln verblüffend den Aussagen der NZZ am Sonntag.

    "Die Strassen und öffentlichen Verkehrsmittel sind verstopft."

    Schweizerinnen und Schweizer pendeln traditionell zur Arbeit. Sie bleiben in ihrem angestammten sozialen Umfeld; sie ziehen nicht in die Stadt, in der sie arbeiten. Daher kommt die enorme Belastung der Strassen und öffentlichen Verkehrsmittel. Viele Ausländerinnen und Ausländer dagegen ziehen zur Arbeit hin, so wie sie es aus ihrer Heimat gewohnt sind. Sie nehmen dabei auch unattraktive Städte und Gegenden in Kauf. Ich persönlich muss schon deshalb pendeln, weil meine Hochschule mehrere Standorte hat. Gerne würde ich nur zu einem Standort fahren; aber die Vorlesungen finden in verschiedenen Städten und Kantonen statt.

    "Wohnungen sind immer schwerer zu erhalten und wenn, dann oftmals nur zu enormen Mietkosten ..."

    Seit Jahrzehnten werden Arbeitskräfte ins Land gelockt. Neue Regelungen haben es für Ausländerinnen und Ausländer einfacher gemacht, in der Schweiz zu arbeiten. Darauf hätte man längst reagieren können und müssen. Auch unabhängig von der Migration liegt einiges im Argen. Ein Problem ist die Zersiedlung, die in anderen Ländern wie Italien und Frankreich ebenfalls Tradition hat. In Italien trägt auch die Mafia die Schuld daran; in der Schweiz sind es vor allem falsche Bestimmungen und Planungen. Zudem hat man sich bis zuletzt davor gescheut, in die Höhe zu bauen. Mit zwei-, drei-, viergeschossigen Häusern aber hat man das kleine Land schnell versiegelt. Übrigens haben viele Schweizerinnen und Schweizer Wohnungen in Deutschland, vor allem in Berlin. Diese werden von den Inhabern kaum genutzt; sie dienen als Ferienwohnungen und Kapitalanlagen. Die Deutschen in Zürich, Basel und Luzern wohnen immerhin in ihren angemieteten Räumen. Die Vermieter mögen die deutschen Zuzügler, denn diese sind bereit, hohe Preise zu zahlen.

    Es reicht eben nicht, eine Meinung zu haben, man muss sie auch begründen. Und manchmal muss man einen Blick auf die Realität werfen. Das gilt sogar für die Redakteure der NZZ am Sonntag und der NZZ.

    Wer noch rätselt, was mit der "neuen Stadt" in der Überschrift des Kommentars gemeint ist: Es handelt sich um ein Bild, damit die Leserinnen und Leser das Ausmass der Migration vor Augen haben: 74138 Personen kamen laut NZZ am Sonntag "in unser Land", also in die Schweiz, "um hier zu bleiben". Und um hoffentlich nicht eines Tages von "unserem Land" zu sprechen. "Das Bild zur Zahl ist St. Gallen. Die grösste Stadt der Ostschweiz zählt fast ebenso viele Einwohner." Und wird sich freuen: Endlich einmal wird sie in Zürich wahrgenommen. In der Stadt, die natürlich nicht zur Ostschweiz gehören will.

    PS: In der selben Zeitung wird auf der ersten Seite empfohlen: "Fahrt doch mal Zug!"

  • Son of a bitch: QR-Codes als Form der Beschimpfung

    In der Süddeutschen Zeitung vom 4./5. Februar 2012 wurde ein Bild abgedruckt, das eine Menschenmenge in einem Fussballstadion zeigt. Die Fans des türkischen Vereins Karsiyaka halten ein Banner mit einem riesigen QR-Code in den Händen. Der Redakteur Alex Rühle schrieb hierzu: "Die Göztepe-Fans, die das Gepixel fotografierten, durften im Netz in neun verschiedenen Sprachen lesen, dass sie Hurensöhne seien."

    QR-Code

    Abb.: Fans mit QR-Code-Banner (Quelle: http://2d-code.co.uk)

    Allerdings darf man nach dem ersten Augenschein annehmen, dass der QR-Code nicht ins Netz führt. Er ist ziemlich komplex und offensichtlich informationsreich; eine URL müsste schon sehr lang sein. Wenn man den 2D-Code scannt, werden tatsächlich eine kurze Ansprache an die gegnerischen Fans ("OROSPU ÇOCUĞU GÖZTEPE") und das Wort "Hurensohn" in verschiedenen Sprachen angezeigt. Übrigens in zehn und nicht in neun (bzw. in elf, wenn man "OROSPU ÇOCUĞU" mitrechnet). Mit dem Netz hat das alles nichts zu tun; der im Code enthaltene Text erscheint nach dem "Fotografieren" auf dem Display, ohne dass man online gegangen ist.

    Die Unterscheidung zwischen Online- und Offlineanwendungen ist nicht unwichtig. Ich bin mir bewusst, dass ich als Anhänger von 3D-Codes, über die man sich Bilder und Lieder aufs Handy übertragen könnte, ohne online zu sein, in der Minderheit bin. Die meisten Experten halten solche Codes für unnötig, weil man immer online sei und den Content einfach im Netz vorzuhalten habe. Momentan sind die Konzepte für 3D-Codes noch stärker als die Umsetzungen. Ich hoffe sehr, dass sich ein entsprechender Markt entwickelt. Zum einen, weil nicht jeder immer online sein möchte und manch einer Sicherheitsbedenken hat. Zum anderen, weil es unglaublich cool ist, in einer kleinen Grafik so grosse Datenmengen unterzubringen.

  • Über die Zukunft des Buchs

    Ein Missverständnis am Anfang

    Es gibt ein Missverständnis im Buchbetrieb. Auf Seiten der Befürworter des gedruckten Buchs und auf Seiten der Befürworter des elektronischen Buchs. Bereits diese Unterscheidung ist Teil des Missverständnisses. Die grosse Zeit des elektronischen Buchs ist angebrochen. Und die grosse Zeit des gedruckten Buchs. Man sollte sie nicht auseinanderdividieren. Auch nicht, indem man vom Prinzip Buch spricht. Das Buch existierte immer als Werk und als Ding. Es hat sich nichts geändert. Und doch alles.

    Am Anfang ist die Datei

    Am Anfang ist die Datei. Das gedruckte Buch wird schon seit vielen Jahren mit Hilfe der Datei erzeugt. Allerdings war diese nur im Besitz des Autors und des Verlags. Jetzt ist die Datei, in Form des elektronischen Buchs, überall. Das bedeutet natürlich nicht, dass man immer alles mit ihr machen kann. Es gibt unterschiedliche Formate, Anwendungen und Arten von Rechten.

    Das elektronische Buch verbreitet sich in Windeseile. Es sind neue Genres wie Handyromane und Twitterlyrik entstanden, was erfreulich für die Literatur ist. Und Enriched oder Enhanced E-Books, mit Booktracks, mit Bildern und Videos. Leseratten können hunderte Bücher mit in den Urlaub nehmen. Wissenschaftler können unterwegs arbeiten und in den tausenden Büchern recherchieren, die sie auf dem Notebook, dem Tablet, dem Reader oder dem Handy haben. Kaum noch vorstellbar, wie man vor 20 Jahren gearbeitet hat.

    Verlierer und Gewinner

    Gedruckte Bücher werden es schwerer haben. Und leichter. Man wird besondere Bücher zu schätzen wissen. Die Taschenbücher der letzten 50 Jahre sind in der Regel billige Industrieware. Und auch viele gebundene Bücher sind schlecht gemacht. Vielleicht 10 Prozent im Printbereich können sich sehen lassen. Und trotzdem grosses Lamentieren bei den Verlagen, Buchhandlungen und Lesern.

    Gut, auch Verlage werden es schwerer haben. Viele werden aufgeben müssen. Viele Buchhandlungen werden schliessen müssen. Vielleicht 10 Prozent der Buchhandlungen haben noch Leser beraten. Ist es schlimm um die anderen 90 Prozent? 90 Prozent haben ihre Buchhandlungen in Ramschläden verwandelt. Soll man Mitleid mit ihnen haben? Wer gewinnen kann, das sind einfallsreiche Verlage, Einrichtungen und Leser. Und Handwerker und Künstler wie Buchbinder und Illustratoren.

    Automaten und Menschen

    Am Anfang ist die Datei. Wenn ich die Möglichkeit und das Recht habe, ein Buch auszudrucken, kann ich das tun. Es werden mir Automaten zur Verfügung stehen, im Supermarkt oder im Schwimmbad. Ich lade die Datei am Eingang hoch, wähle unter einigen Optionen aus (Layout, Grösse, Farbe, Papier, Bindung) und nehme nach dem Einkaufen oder Schwimmen das fertig gedruckte und gebundene Buch in die Hand. Technologisch kein Problem; BoD, Lulu und Co arbeiten seit Jahren – Stichwort Digitaldruck – mit den entsprechenden Maschinen. Buchpreisbindung? Hallo?

    Oder ich gehe ins Internet und lasse mir das Buch drucken, binden und liefern. Auch solche Dienste bestehen bereits, und bei Fotobüchern sind sie gar etabliert. Vielleicht arbeiten sie mit Offsetdruckern, Lithografen und Buchbindern zusammen. Wenn nicht, suche ich diese auf und lasse mir ein Buch nach meinem Geschmack anfertigen. Ich kann mir Bücher anfertigen lassen, die besser als alles sind, was auf dem Markt ist. Ich kann auch, wie es Gutenberg gemacht hat, hier und da etwas Raum frei lassen. Und selbst künstlerisch tätig werden oder Illustratoren mit der Fertigstellung beauftragen. Und ich kann QR-Codes zeichnen oder stempeln. Oder vorher eindrucken lassen. Noch ein grünweiss gestreiftes Lesebändchen gefällig? Kein Problem!

    Die Moral von der Geschicht

    Wer es sich leisten kann, wird nagelneue, kostbare, seltene Bücher besitzen. Wer es sich nicht leisten kann, bleibt auf dem Stand, den wir in den letzten 50 Jahren hatten. Und wird sich zu gewissen Anlässen doch etwas Schönes leisten. Für sich und andere. Man kann inzwischen E-Books verschenken. Aber besonders viel Freude macht dieses Präsent kaum. Insgesamt nehmen die Möglichkeiten und Varianten zu. Wer in diesen Zeiten wehklagt, hat von Büchern keine Ahnung. Weder von elektronischen noch von gedruckten.

    Eigene Literatur zum Thema

    Bendel, Oliver. Die kleine Schwester der Filmmusik: Soundtracks für E-Books. In: LIBREAS.Library Ideas, Blog von Libreas. Über http://libreas.wordpress.com/2011/10/20/booktracks/#more-2199.

    Bendel, Oliver. The Future of Printed Books: 2D and 3D Codes as Enhancements to Traditional Publications. In: 360° - the business transformation journal, 1 (2011) 1. S. 15 - 20. Über http://www.360-bt.com.

    Bendel, Oliver. Gutenbergs Rückkehr: Codes als Erweiterungen gedruckter Bücher. In: B.I.T.online, Zeitschrift für Bibliothek, Information und Technologie, 1 (2011) 14.

    Bendel, Oliver. Die Renaissance des Papiers: Codes als Elemente hybrider Publikationsformen. In: Libreas, 2 (2010) 6. Über http://libreas.eu/ausgabe17/texte/05bendel.htm.

    Bendel, Oliver. Literatur in Bewegung: Romane und Haikus für Handys. In: www.lesen-in-deutschland.de, Rubrik Leseförderung, 25. Mai 2010. Online über http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=964.
    Bendel, Oliver. Von "keitai shousetsu" zu Handyromanen. In: Bibliothek - Forschung und Praxis, 1 (2010) 34. S. 95 - 100.

    Bendel, Oliver. Handyromane - Made in Europe. In: Veronika Hornung-Prähauser und Michaela Luckmann (Hrsg.). Kreativität und Innovationskompetenz im digitalen Netz. Sammlung von ausgewählten Fach- und Praxisbeiträgen der 5. EduMedia Fachtagung 2009. Salzburg, 4. - 5. Mai 2009. Salzburg Research Forschungsgesellschaft, Salzburg 2009.

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