Es ist das Beispiel, das fast jede Woche in den Schweizer Medien bemüht wird, um die sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen den Deutschen und den Schweizern deutlich zu machen. Auch die grösste Schweizer Zeitung, das Gratisblatt 20 Minuten, bemüht es gerne. Deutsche würden, so heisst es in dem Artikel "Die unhöflichsten Gastgeber der Welt" vom 11. April 2012, im Restaurant "Ich krieg ein Wasser" sagen, Schweizer hingegen "Ich hätte gerne ein Wasser".
Ich bin Deutscher. Ich würde nie "Ich krieg ein Wasser sagen". Ich kenne ziemlich viele Deutsche. Mit einigen von ihnen war ich in Restaurants und Cafés. Ich habe nie einen von ihnen "Ich krieg ein Wasser" sagen hören. Ich war einige Jahre in der Gastronomie, in zwei deutschen Städten. Aber keine Erinnerung daran, dass irgendwann irgendjemand "Ich krieg ein Wasser" gesagt hätte. Warum gehen die Schweizer, die so etwas schreiben, nicht einmal über die Grenze? Nicht nur um einzukaufen, sondern um die Ohren aufzusperren. Ich bin mir sicher, dass niemand von ihnen in Konstanz oder Waldshut diesen Satz hören würde. Sie sagen, nachdem sie die Läden leergekauft haben und in ein Restaurant oder ein Café gegangen sind, weil es da so schön billig ist: "Ich hätte gerne ein Wasser", und so sage ich es auch, und weil ich in der Schweiz lebe, sage ich sogar: "Ich hätte gerne ein Mineral", mit Betonung auf der ersten Silbe.
Sicherlich wird es Deutsche geben, die "Ich krieg ein Wasser" sagen. Ich habe Leute aus dem Ruhrgebiet gefragt. Sie stritten ab, so etwas in den Mund zu nehmen. Ich war früher immer wieder im Osten. Sagt man dort "Ich krieg ein Wasser"? Bestimmt sagt man das dort, an den Grenzen zu Tschechien und Polen. Und bestimmt im hohen Norden, in der Nähe des Pols. Ich habe keine Ahnung, wo man das sagt. Irgendwo sagt man es, ganz oft, bestimmt hundert Mal am Tag. Und das Unglaubliche ist, dass diese Leute, die das so oft sagen, nun in der Schweiz zu leben scheinen. Ich habe sie noch nie getroffen, aber irgendwo müssen sie sein. Und weil sie überall sind, brauchen die Schweizer gar nicht über die Grenze zu gehen und die Ohren aufzusperren. Sie wissen auch hier, in der Schweiz, wie die Welt ist.





















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