Die Deutschen sind so laut, hört man immer wieder Schweizer Redakteure jammern, sie sprechen so laut, sie sagen so laut ihre Meinung, sie sind eben, wie Teutonen sein müssen, laut und stark, lautstark, im Zug, im Büro, bestimmt auch auf dem Klo, wo wir Schweizer uns nur die Nase pudern, die Deutschen es aber richtig krachen lassen. Nicht, dass wir zuhören, aber selbst wenn wir weghören, entgeht uns das Krachen nicht. Okay, das schreiben die Schweizer Redakteure nicht mehr, aber wer weiss, vielleicht würden sie das gerne schreiben, und bestimmt denken sie es, denn zum Denken haben sie ausserhalb der Arbeit genügend Zeit.

Die Schweizer sind so laut, dachte ich, als ich in dieses Land zog, als ich im Zug sass und im Büro. Mir kam es so vor, als würden sie durch das ganze Abteil brüllen und als würden sie ihre E-Mails laut vorlesen, damit die Nachrichten noch schneller beim Empfänger wären, der am anderen Ende des Flurs sass. Auch in den Cafés und Restaurants fiel es mir auf: fast italienische Zustände. Allerdings war es kein caprifischerhaftes Singen, mehr ein bergwäldlerisches Sägen, und um zehn Uhr war es vorbei. Dann las ich in den Schweizer Medien: Die Deutschen sind so laut. Ich hörte es auch Schweizer sagen, nicht nur Schweizer Redakteure. Schweizer, die es quer durch das Abteil brüllten: Die Deutschen sind so laut!

Ich dachte nach, warum die Schweizer uns für laut hielten und sich selbst – dies schwang unausgesprochen im Brüllen mit – für leise. Ich kam darauf, dass das Hochdeutsch, das manche von uns pflegten, nach langen Jahren des Dialekts, ihre Aufmerksamkeit auf uns zog. Es ist ja nicht so, als würden wir nicht mit Mundart aufwachsen; wir halten sie nur für etwas, das man überwinden muss, zumindest in bestimmten Situationen. Wir reden also, sagen Moin und Tschö und Fiskutter und all das, was Deutsche halt so sagen, wenn sie in Konstanz oder Ulm geboren sind, und die Augen richten sich stechend auf uns, und die Ohren, nicht stechend, aber flatternd im scharf ein- und ausgehenden Atem. Dann halten sie still, die Ohren, die Schweizer halten die Luft an, und in diesem Moment kommt es ihnen so vor, als würden die Deutschen brüllen.

Und ich dachte, vielleicht ist es genauso umgekehrt. Wir hören Ciaociao und Schnügeli und Chuchichäschtli und all das, was Schweizer halt so sagen, und dann richten wir unsere Aufmerksamkeit auf sie und hören sie lauter, als sie eigentlich sind. Dafür müssen wir die Schweizer nicht einmal sehen; das blosse Ächzen im sprachlichen Gebälk genügt, um die schlafenden Schäferhunde in uns zu wecken. Über zehn Jahre lang habe ich empirische Studien betrieben. Im Abteil, im Büro, auf dem Klo. Der Schweizer wurde vertraut. Das Stutzen über die Sprache verschwand. Die Lautstärke der Stimmen und Körper blieb. Ich fand heraus, dass schon die Kinder für jedes einzelne Dezibel belohnt werden. Wenn sie Fussbälle gegen Garagentore und Hauswände bomben, dass innen bei den Ausländern die Kristallleuchter klirren, streicht man ihnen über den Kopf und steckt ihnen ein Kägi Fret in den Mund. Und wenn sie dieses verschluckt haben, schreien sie vor Begeisterung und lassen, wie früher die Teutonen, die Welt erzittern. Was die Körper den Teutonen, das sind die Stimmen den Schweizern, und dass sie die Deutschen laut finden, ist nur ein Zeichen dafür, dass wir ihnen fremd geblieben sind.