Einige "Autoren" und "Künstler" haben einen "Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums" (ZEIT vom 10. Mai 2012) veröffentlicht. Auf der Website www.wir-sind-die-urheber.de kann man ihn unterschreiben (dort heisst der Titel "Wir sind die Urheber!", der Untertitel "Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums"). Man sollte sich das aber gut überlegen. Denn der kleine Text reizt zum grossen Widerspruch. Ich kommentiere im Folgenden den Originaltext. Vorausschicken möchte ich, dass ich Aktionskunst mache und Gedichte und Romane schreibe – und einen Brotberuf in der Wissenschaft habe. Ich verstehe die Ängste und Sorge dieser Urheberinnen und Urheber, ich sympathisiere mit Sven Regener, dessen Ausbruch im Radio erfrischend und bereichernd war. Und dennoch denke ich ausnahmsweise, dass die Wahrheit in der Mitte liegt.

Mit Sorge und Unverständnis verfolgen wir als Autoren und Künstler die öffentlichen Angriffe gegen das Urheberrecht. Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit, und es garantiert die materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen.

Gegen diese Passage ist wenig einzuwenden. Die Urheberinnen und Urheber dürfen diese Sorge haben, und sie dürfen mit Unverständnis reagieren. Sie sind ohne Zweifel Autoren und Künstler, übrigens auch Autorinnen und Künstlerinnen. Die öffentlichen Angriffe sind Angriffe bestimmter Gruppen und Personen. Man hätte sie ruhig beim Namen nennen dürfen, die Piraten und Nerds. Und Nerds sind wir ja alle, so dass der Begriff des Öffentlichen seine Berechtigung hat. Das Urheberrecht ist ohne Zweifel eine historische Errungenschaft, und ohne Zweifel ist es wichtig für die Freiheit des Bürgertums und der Kunst (oder einer bestimmten Kunst, auch der des Bürgertums). Dass es die materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen garantiert, ist schlicht und ergreifend falsch. Darauf komme ich noch zu sprechen.

Der in diesem Zusammenhang behauptete Interessengegensatz zwischen Urhebern und "Verwertern" entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealität. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestmöglich vertreten und verteidigen. Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern. Im Gegenteil: Es gilt, den Schutz des Urheberrechts zu stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anzupassen.

Es ist richtig, dass manche Piraten und Nerds vereinfacht argumentieren. Manche gehen z.B. davon aus, dass die Verlage immer grosse, böse Konzerne sind. Sie vergessen, dass es tausende Kleinverlage gibt (oder gab), die sich mit hohem Risiko und grossem Engagement den Anliegen ihrer Autorinnen und Autoren widmen. Sie vergessen auch, dass die grossen Verlage oft viel Geld in Werbung und Marketing und damit in die Förderung ihrer Schützlinge stecken. Diese Aktivitäten werfen freilich auch einen Schatten auf die Szenerie. Denn tatsächlich haben sich die grossen Verlage viele Leistungen erkauft; nur sie können sich die massenhafte Verteilung von Rezensionsexemplaren und von Geschenken erlauben. Was die Urheberinnen und Urheber auch verschweigen, ist die ungerechte Verteilung der Gewinne. Ich weiss nicht, wie es ihnen geht, aber ich kann von Glück sagen, bisher immer seriöse Verträge abgeschlossen zu haben. Ich bekomme ca. 10 Prozent des Ladenpreises (in den Fällen, in denen noch ein Laden existiert). Bei ein paar hundert oder tausend Exemplaren ist das nicht viel. 90 Prozent fliessen in Verlag, Vertrieb, Handel etc. Der Urheber wurde schlecht bezahlt in der Vergangenheit, und es wäre in der Tat bedauerlich, wenn er in Zukunft gar nicht bezahlt würde. Ein paar Autorinnen und Autoren erhalten aber viel mehr als bisher, indem sie eben die klassischen Mittler auslassen und mehr oder weniger direkt publizieren. Auf diese Weise gerät viel Schrott auf den Markt, denn Lektoren, Korrektoren und Grafiker gibt es nicht ohne Grund. Aber in den letzten Jahrzehnten haben viele Verlage gar keine Lektoren, Korrektoren und Grafiker mehr beschäftigt. Und die Autorinnen und Autoren fühlten sich verschaukelt. Vielleicht ist das Bild, das Piraten und Nerds entwerfen, abwegig; aber das Bild, das diese Urheberinnen und Urheber entwerfen, kommt mir nicht weniger abwegig vor. Kein Wort von der Literatur- und Kunstmafia. Kein Wort davon, dass bei der Vergabe von Preisen häufig gemauschelt wird. Kein Wort davon, dass Literaturfestivals und Literaturhäuser systematisch Literatur verhindern. Kein Wort davon, dass der Mainstream regiert und in den Buchhandlungen vor allem Ramsch zu finden ist. Kein Wort davon, dass die Besten- und Beststellerlisten literarische Anstrengungen ad absurdum führen. Kein Wort davon, dass der Literaturbetrieb nicht erst seit Internet und Web ein Problem hat, sondern dass der Abstieg schon lange vorher begann.

Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können und schützt uns alle, auch vor global agierenden Internetkonzernen, deren Geschäftsmodell die Entrechtung von Künstlern und Autoren in Kauf nimmt. Die alltägliche Präsenz und der Nutzen des Internets in unserem Leben kann keinen Diebstahl rechtfertigen und ist keine Entschuldigung für Gier oder Geiz.

Einige "Künstler" und "Autoren", die unterschrieben haben, können von ihrer Arbeit leben. Einige müssen auch noch Workshops anbieten, Vorträge halten und im Fernsehen herumturnen. Schon für die etablierten Autorinnen und Autoren, die den Aufruf initiiert haben, stimmt die erste Aussage der zitierten Passage nur bedingt. Und die meisten Künstlerinnen und Künstler können von ihrer Arbeit überhaupt nicht leben. Die meisten sind weit, weit, weit davon entfernt. Sie verdienen vielleicht tausend Euro im Monat mit ihrer Kunst. Eine brotlose Kunst ist es, und auch das nicht erst seit dem Siegeszug der Informations- und Kommunikationstechnologien und der neuen Medien. "Wir sind die Urheber", sagen diese Initianten und Unterzeichner, und sie vergessen, dass es viele andere Urheber gibt, die nichts verdienen, die keinen Mainstream machen, die sich dem Experiment verschrieben haben, die etwas ganz Neues wagen, auch im Netz. Sie vergessen, dass auch die Piraten und Nerds Urheber sind, und nicht nur, wenn sie Programmcode schreiben. Ich habe selbst auf Twitter beanstandet, dass im Moment vor allem diejenigen die Diskussion bestimmen, die keine Urheber sind. Aber einige von ihnen sind Urheber, auf ihre Weise. Man muss sie einbeziehen, man muss ihnen zuhören. Dass wir vor global agierenden Internetkonzernen geschützt werden müssen, denke ich auch. Die wirkliche Gefahr für die Freiheit der Literatur und der Literatur- und Kunstschaffenden kommt von den Internet- und Computerkonzernen. Sie verdrängen die alten Industrien, die nicht viel gnädiger waren, aber auch die unabhängigen Betriebe. Sie diktieren, was in ihren Shops zu kaufen ist (und bedrohen die Offenheit unserer Literatur). Sie schaffen geschlossene Systeme, in denen wir auch als Konsumenten Gefangene sind. Sie sind die neuen Mittler, die uns manchmal mehr Geld, aber nicht mehr Freiheit bringen. Vielleicht ist die Lösung ein Netzwerk aus Professionellen und eine Toolbox der Möglichkeiten. Man arbeitet je nach Bedarf mit Lektoren, Korrektoren, Grafikern, Marketingprofis zusammen. Man wählt je nach Bedarf das Medium bzw. das Geschäftsmodell, das das richtige ist. So machen es schon etliche Künstlerinnen und Künstler und Autorinnen und Autoren. Und sie fahren durchaus nicht schlecht damit.

Nein, ich kenne die Lösung nicht. Ja, ich sitze zwischen den Stühlen. Ich finde nur, die Wahrheit muss auf den Tisch. Die Fronten sind verhärtet, die Lager stehen sich, wie man so schön sagt, unversöhnlich gegenüber. Ich wünsche mir, dass es nun mehr um die Kunst geht, weniger um die Pfründe. Wie schaffen wir es, verkrustete Strukturen aufzubrechen und totalitäre Strukturen zu verhindern? Wie retten wir unsere Kunst und Literatur in die moderne Zeit? Und wie schaffen wir vor allem in dieser Zeit eine moderne Kunst und Literatur, die diesen Namen verdient?