In einem meiner Romane mache ich Werbung für www.intact-ev.de. Sogar der Link auf die internationale Aktion taucht auf. Die Beschneidung von Mädchen und Frauen ist ein grosses Verbrechen. Ich war immer der Meinung, dass man daneben ein kleines Verbrechen nicht vergessen dürfte, die Beschneidung von Knaben. Dieses Verbrechen ist mit dem anderen kaum vergleichbar, und man kann sagen, der "Grössenunterschied" ist enorm. Ein Verbrechen ist es trotzdem, ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, in die Tat umgesetzt von deutschen Medizinern. Wegen infantiler Vorstellungen religiöser Erwachsener müssen Kinder unters Messer.

Das Landgericht Köln hat nun ein wegweisendes Urteil verkündet. Es hat festgestellt, dass die Körperverletzung eine Körperverletzung ist und die Religion eine solche strafbare Handlung nicht legitimiert. Und es hat die Selbstbestimmungsrechte von Kindern gestärkt. Ohne Zweifel ein wegweisendes, ein wichtiges, ein richtiges Urteil. Es weist die Religiösen in die Schranken, die sich an wehrlosen Kindern vergreifen und die derart sexualisiert sind, dass sie an einem fremden Penis herumschnippeln müssen. Leider lässt die Süddeutsche Zeitung das Urteil nicht von einem Rechtswissenschaftler kommentieren, auch nicht von einem Mediziner, auch nicht von einem Philosophen, sondern von dem Theologen Matthias Drobinski, der als katholischer Journalist im Namen des Herrn unterwegs ist. Der Mitglied einer Organisation ist, in der massenhaft Kinder missbraucht wurden und werden, in physischer und psychischer Hinsicht, und in der die körperlichen Übergriffe systematisch vertuscht wurden.

Für Drobinski gibt es, wie in einem anderen Artikel von ihm steht, "viel Gutes zu sagen über Benedikt XVI." - und nun auch über die religiös motivierte Verstümmelung von Jungen. Sein Kommentar "Wenn Richter zu Schiedsrichtern der Religion werden" hebt an mit den Worten: "Das Kölner Urteil ist Ausdruck unserer säkularen Gesellschaft. Manchmal aber ist es überhaupt nicht gut, wenn sich Richter über Religionen stellen." Zum Beispiel, wenn Menschenrechte zu verteidigen sind. Denn Menschenrechte stehen nicht gerade im Fokus der Religionen; vielmehr geht es um die Rechte von Göttern, von imaginären absurden Wesen, die den Menschen nicht immer wohlgesonnen sind. Der Götterkundler stellt die Argumentation von Holm Putzke dar, des vernunftsvollen Strafrechtlers, und resümiert: "Es ist eine positivistische Argumentation unberührt und unbeeindruckt von Tradition und Geschichte des Abendlands und Orients - und das wahrhaft Bemerkenswerte an ihr ist, dass das Kölner Landgericht ihr folgt." Und weiter: "Der Sinn für die eigenen christlichen Rituale geht verloren, die der anderen Religionen bleiben erst recht unverstanden, werden bestritten, bekämpft, die Gerichte werden angerufen - und zum Schiedsrichter." Ja, so ist das in einem Rechtsstaat, wenn Gewalt gegenüber Kindern ausgeübt wird, und es bleibt einem Theologen unbenommen, anders darüber zu denken. Dass ihm aber für seine Predigten die Süddeutsche zur Verfügung steht, ist ein Trauerspiel, das einem die Freude über das Urteil vermiesen würde, wäre sie nicht so gross.

Matthias Drobinski hat kein Argument, aber immerhin Hoffnung: "Es spricht einiges dafür[,] dass sich die Karlsruher Richter irgendwann mit der Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen werden beschäftigen müssen. Und dann der Auffassung des Zentralrats der Juden folgen, der im Kölner Urteil einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften sieht." Hoffnung habe ich auch, nämlich dass dieses Urteil Bestand haben wird in einer – so eine weitere Hoffnung – zunehmend aufgeklärten und säkularen Welt. Allerdings könnte es wirklich sein, dass das Verfassungsgericht das Urteil kassiert; bekanntlich lassen sich die Richter von den Kirchen immer wieder beeinflussen. Und es könnte nicht nur sein, sondern es wird so sein, dass die Religiösen immer mehr zusammenspannen, ganz egal, welches imaginäre Wesen sie anbeten. Sie werden sich immer mehr auf ihre gemeinsame Tradition und Geschichte berufen, eine Geschichte, die voller Lügen, Hass und Gewalt ist.