3D-Drucker sind auf dem Massenmarkt erhältlich und werden eine neue industrielle und gegenindustrielle Revolution verursachen. Wer Zugang zu den besten Maschinen und Materialien hat, gewinnt im globalen und lokalen Wettbewerb. Oder hat zu Hause einfach nur riesigen Spass.
Der Begriff der industriellen Revolution bezeichnet "einen raschen Wandel von Produktionstechniken und, daraus abgeleitet, von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Strukturen" (Voigt, Industrielle Revolution, in: Gabler Wirtschaftslexikon). "Inzwischen spricht man auch von einer ersten industriellen Revolution im 13. Jh., von einer zweiten industriellen Revolution um die Wende des 19. zum 20. Jh. (Elektrifizierung) sowie von einer dritten industriellen Revolution (Computerisierung)." (Ebd.) Die vierte industrielle Revolution ist eine Kombination aus den vorherigen Revolutionen, IT- und Medienkompetenz sowie handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten.
Haushalte und Unternehmen
Zum einen ermöglichen 3D-Drucker die private Produktion von Objekten aller Art. Zum anderen erlauben sie den Unternehmen, just-in-time einzelne Werkzeuge und Teile herzustellen oder selbst in die Massenproduktion einzusteigen (vgl. Hamann, Der Alles-Drucker, in: ZEIT vom 4.10.2012). Die postindustriellen Länder werden gestärkt, und zwar in ihren industriellen Möglichkeiten. Die Produktion lohnt sich wieder vor Ort. Die Abhängigkeit von Zulieferern nimmt ab. Billiglohnländer verlieren in der Wertschöpfungskette an Bedeutung.
Das Ding als Datei
Um Gegenstände in hoher Qualität ausdrucken respektive aufbauen zu können, braucht es entsprechende Vorlagen. Erstens werden Laien und Experten alleine und vor allem zusammen Objekte designen. Sie sind Crowdsourcer und Crowdsourcees und verfolgen nicht unbedingt kommerzielle Interessen. Zweitens werden Objekte eingescannt, über professionelle 3D-Scanner, aber auch über die Webcam, die Handykamera und passende Programme; auch für Laien wird es einfach sein, die Scans für den 3D-Druck aufzubereiten. Es werden CAD- und Hilfsprogramme verfügbar sein, die ihnen die Arbeit erleichtern. Drittens werden immer mehr Dateien im Internet und in mobilen Stores kursieren bzw. gegen Entgelt zu haben sein.
Die auf Digitalisierung beruhende Piraterie, die Film- und Musikindustrie sowie Buchbranche das Fürchten gelehrt hat, weitet sich auf die gegenständliche Welt aus. Der von der Firma Intellectual Ventures entwickelte Kopierschutz für 3D-Drucker wird die Entwicklung nicht aufhalten (vgl. Pluta, Kopierschutz in der dritten Dimension, in: ZEIT ONLINE vom 16.10.2012). Firmen wie LEGO und Alessi haben ein grundlegendes Problem. Jedes Objekt, das nicht bei drei auf dem Baum ist, wird nachgedruckt. Ein LEGO-Stein, ein Pinocchio-Trichter – alles hausgemacht. "Home-made" ist das neue "Made in Germany". Aber auch das "Made in Germany" (oder das "Made in Switzerland") gewinnt wieder an Gewicht.
Materialien aller Art
Die 3D-Drucker werden immer mehr Materialien beherrschen. Neben Kunststoffen, Metallen und Gips kann man auch biologische Werkstoffe verwenden. Der Vielfarbdruck dominiert. Durchbrüche und Muster sind in. Verdient wird über die Verbrauchsmittel. Es gibt einen Run auf die Stoffe, die sich besonders gut von den Maschinen verarbeiten lassen. Es gibt Engpässe. Es gibt Krieg. Verdient wird ferner über Dienstleistungen: In den Haushalten stehen kleine, in den Shops riesige Printer.
In den Privathaushalten werfen die klobigen Geräte u.a. Waffen, Möbel und Kleidungsstücke aus. IKEA-Kunden werden sich fragen lassen müssen: "Kaufst du noch oder druckst du schon?" Freundinnen überlegen sich am Nachmittag gemeinsam, was sie im Ausgang am Abend anziehen, und designen und drucken aus, was gefällt: das kleine Schwarze aus dem 3D-Drucker. Und Highheels dank Hightech. Die Krawatte kommt zu neuen Ehren und lässt die Seidenraupe aufatmen und leben.
Abb.: Das kleine Schwarze, wie gedruckt (Bild von Peter Duhon, New York City)
Kunst und Kultur
Die skulpturale Kunst wird Auftrieb erfahren. Kunst und Kitsch überschwemmen die Messen, Galerien und Wohnungen. Die Figuren von Takashi Murakami und Jeff Koons gibt es massenhaft zu kaufen. Jeder ist ein Damien Hirst. Selbst entworfene Gartenzwerge verstören Spaziergänger. Auch Ölbilder werden ausgedruckt, die viel echter wirken als die bisher üblichen, mit Pinsel und Lack frisierten Kopien. Es entstehen Archive der Dinge. Madame Tussauds ist überall.
Geschäftsmodelle
Eine spezielle Industrie entwickelt das elektrische oder elektronische Innenleben für die Werkstücke, die sich die Benutzer selbst ausdrucken. Diese können mit ein paar Mausklicks die gewünschte Form bestellen. Auch hochwertige Scharniere und andere Verbindungen werden auf dem Markt zu haben sein. Wir drucken noch den zweiten Bügel aus und bauen uns unsere Brille zusammen. Diese wird an den Brillenglashersteller geschickt, der das gewünschte Glas anfertigt und einsetzt. Und noch schnell - ein arbeitsloser Optiker wurde angestellt - die Brille an die virtuell übermittelte Kopfform anpasst.
Der Raubbau an der Natur nimmt zuerst zu. Dann nimmt er ab, denn die Verbrauchsmaterialien sind teuer. Dann tauchen günstige Alternativen auf, so dass die Originalhersteller unter Druck geraten. Der Raubbau an der Natur nimmt wieder zu. Mit den 3D-Druckern transformieren wir unsere natürliche Umwelt in künstliche Produkte, die unserer eigenen Phantasie entsprungen sind. Manche ausgedruckte Objekte werden giftig sein. Einige Kinder werden sich an zu grossem Spielzeug verschlucken. Schöne neue Welt: Man wird sie hassen – und lieben.
Literatur
Hamann, Götz. Der Alles-Drucker: Wie neue Technik die Gesetze der Globalisierung verändert. In: ZEIT, 4.10.2012. Auch online über http://www.zeit.de/2012/41/3-D-Drucker-Globalisierung.
Pluta, Werner. Kopierschutz in der dritten Dimension. In: ZEIT ONLINE, 16.10.2012. Über http://www.zeit.de/digital/internet/2012-10/3d-druck-drm-patent.
Voigt, Kai-Ingo. Industrielle Revolution. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Gabler/Springer, Wiesbaden 2012. Über http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/industrielle-revolution.html.





















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